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[Archiv-Beitrag der KW 27 vom 07.07. 2010]
Ohrenschmauch
STING/ HEALTH/ DJ HELL/ AUDIO LOTION/ DAVID CARROLL & THE MIGRATING FELLOWS/ GLOBAL KRYNER vs. THE ROUNDER GIRLS/ GOT A LIGHT, MAC?
Wenn es wenigstens neu wäre. Aber die eigenen „ollen Kamellen“ mit Orchester-Begleitung einspielen haben sogar die Helden von METALLICA schon hinter sich. Warum STING („Sinfonicities“, ab 9.7.)? In den frühen 80ern trafen die POLICE Songs, kurz, knapp, dynamisch und auf den Punkt, genau in die Herzen des Publikums. Haben sich die Zeiten (Menschen von damals?) so geändert? Wollen wir die Kracher von einst wirklich in behäbig, harmonisch und schön, zur dezenten Begleitung wohlausgesuchter Speisen? Für diesen Zweck schlage ich doch regelmäßig neues Material vor, das m/f zumindest noch nicht rückwärts im Schlaf mitsingen kann.

Für solche Anlässe nur bedingt geeignet, dafür umso spannender zu verfolgen ist „Disco 2“ von HEALTH. Den größeren Teil der Songs ihres letzten Albums „Get Colour“ in Remixen anderer Freunde der Noise, Disco und Fashion Fraktion. Wobei auf „Disco 2“ der Lärm eher gering bleibt. Meine Assoziationen waren eher OMD, die frühen HUMAN LEAGUE oder HEAVEN 17. Also angelehnt an deren meist analoge Synthesizer-Klänge und durchaus clubtaugliche Beats. Da habe ich weit mehr Schrill & Schmerz drin vermutet. Fast zu schön für das Genre.

Mit den DJ Mixes ist das so eine Sache. Auf Tonträger müssen sie auf der einen Seite eingängig genug sein, damit sie als Beschallung von Boutique bis Sandbar verkaufbar sind, auf der anderen will sich der DJ natürlich (und unbedingt gegönnt!) Engagements auf möglichst allen Erdteilen erspielen. Es geht gerade um „BODY LANGUAGE Vol. 9“, gemischt von DJ HELL. Die erfüllt nicht nur die bereits genannten Punkte zu mindestens 100%, sondern ist gleichzeitig auch noch eine Reise durch (nicht nur) seine musikalische Vergangenheit bis ins hier und jetzt. Zwischen Tracks von Club-Giganten, wie z.B. KIRK DEGIORGIO, WILL SAUL und BABY FORD bindet er Acts ein, wie DIE VÖGEL, CHRISTIAN PROMMER oder STEREOTYP und verarbeitet dabei auch noch „Big Names“ á la BALANESCU QUARTET, KLAUS SCHULZE, DAVID BOWIE und DEPECHE MODE. Der Gesamtklang ist eher technisch (wie auf seinem unbedingt empfohlenen „Teufelswerk“), nicht der für die Tanzfläche übliche Hammerbass, und deshalb auch und besonders für den Genuss über die eigenen Lautsprecher geeignet.
Bei MOLE Listening Pearls meldet sich die Schweizer AUDIO LOTION nach 4 Jahren mit „Bad Timing“ zurück. Worauf sie das „Bad Timing“ beziehen, ist mir nicht ganz klar, (kauft während der WM keine(r) ‘ne CD?) denn ihre Songs haben genau die Klasse und Spannung, die der und die Fan von ihnen erwartet. Fesselnde langsame Beats ohne Düsternis, Harmonien, die haarscharf vor Pop die Kurve kriegen und subtiler Humor, der gelegentlich die Gesichtsmuskeln beansprucht. Langsam hören!
Das DAVID CARROLL & THE MIGRATING FELLOWS‘ „The Guest“ so richtig in die Zeit passt (s.a. „Bad Timing“!), will ich nicht unbedingt behaupten. Folk-Rock ist durchaus hip, Herr CARROLL und seine MIGRANTEN orientieren sich aber weniger an der englischen Szene der früh 70er, als vielmehr an „klassischen“ Songwritern, wie WOODY GUTHRIE oder DYLAN. Geschichten über sein bewegtes Leben, akustisch unterlegt und ummalt mit Instrumenten und gelegentlich Harmoniefolgen, die m/f auch bei Folk-Bands findet. Von introvertiert über relaxt zu beinahe sing-along.
Schön schräg: GLOBAL KRYNER vs. THE ROUNDER GIRLS. Die Pop-Adaptionen der KRYNER mit Volksmusik-Instrumentarium hat der/die eine oder andere vielleicht schon mal vernommen. Im vorliegenden Fall kommen zum Wettkampf die ROUNDER GIRLS, R’nB bzw. Gospelsängerinnen, als Stimmen hinzu. Fragmente, Zitate, Textstücke aus Titeln, die m/f kennt, aber so humorvoll (nicht lustig!) und gekonnt mit-einander verwoben, dass die daraus entstehende Melange den Gedanken an Volksmusik gar nicht erst aufkommen lässt.
Und noch einmal political uncorrect: „GOT A LIGHT, MAC?”, Lieder und Kommentare von Früher (1926-54) über das Rauchen, pro und contra, steht hier zum einen weil es einfach Spaß macht, Überzeugungstäter aus jeder Richtung in Wort und Musik zu hören, zum anderen als Beispiel für die ganze Serie des Labels BUZZOLA, in der auch Alben mit exzellent ausgesuchten Titel zu z.B. den Themen „KICKIN‘ HITLER’S BUTT“, „LIKE AN ATOM BOMB“ oder „REEFER MADNESS“ und mehr zu finden sind. In liebevoller Aufmachung (vgl. BEAR FAMILY), mit ausführlichem Booklet und perfekt ausgesuchten Zitaten. Ob m/f den passenden Humor hat, steht fest, wenn „BUMMED OUT CHRISTMAS“ die bevorzugte Weihnachtsplatte ist. Na Dann. Tschüß! i.m.trend@muenster.de
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