Page 28 - pixelbook KW09/2025
P. 28
28
The Honest John Blog:
60 Jahre John Coltrane „A Love Supreme“ – 1964
(Ist das wirklich eine Jazz-Aufnahme?)
PART 2.
Der zweite Titel, „Resolution“, ist etwas struktu- rierter, langsamer und strahlt eine ruhigere, aber dennoch aufregende Energie aus. Rhythmische Trommeln sind auf diesem Titel sehr präsent, ob- wohl sie viel weniger unregelmäßig sind als auf dem ersten Titel, was dem Ride-Becken konstan- te Energie verleiht. Ich würde gerne glauben, dass Coltrane auf diesem Titel seine spirituelle Suche beendet und dank der Erkenntnis beginnt, ein an- deres, besseres Leben zu führen. Der dritte Titel, „Pursuance“, ist mit über 10 Minuten der längste Song auf dem Album. Der Titel beginnt mit einem minutenlangen Schlagzeugsolo, und das lebhafte Gefühl der Trommeln passt gut zum Titel „Pursu- ance“, denn vielleicht verfolgt Coltrane sein neues spirituelles Leben sowie seine Beziehung zu dieser höheren Macht, der er sich hingegeben hat. Der Pianist McCoy Tyner glänzt auf diesem Titel wirk- lich. Aufgrund der Einfachheit der Instrumentie- rung in einem Quartett kann jeder Musiker wirk- lich glänzen, ohne dass andere sein Talent trüben. Das vierte und letzte Lied ist „Psalm“, ein viel lang- sameres und zarteres Stück im Vergleich zur En- ergie der vorangehenden Lieder. Die Trommeln sind viel zurückhaltender, sodass sich das Stück wirklich auf John Coltranes Ausdruck durch sein Saxophon konzentrieren kann. Dieses Stück un- terscheidet sich klanglich stark vom Rest der Plat- te und hat daher ein etwas anderes Thema als der Rest. Das Lied handelt laut Coltrane von Bürger- rechten und genauer gesagt von den vier kleinen schwarzen Mädchen, die 1963 in der 16th Street Baptist Church in Birmingham, Alabama, auf tra- gische Weise durch eine Bombe getötet wurden.
AlsichmichhinsetzenunddiesenArtikelschrei- ben musste, musste ich in Erinnerungen schwel- gen und mich an vergangene Ereignisse erinnern, die schließlich zu meinem Interesse an Musik führten. Sie denken jetzt bestimmt, dass alles auf ganz normale Weise passiert ist, aber glauben Sie
na dann... 09/25
mir, Sie könnten nicht falscher liegen. Als ich die Musik von John Coltrane kennenlernte, besaß ich noch nicht einmal ein Saxophon. Ich schlug immer den Umschlag eines Buches auf (The Clarinet and Saxophone Experience von Stanley Crouch), auf dem ein Saxophonhals mit Mundstück abgebildet war, und stellte mir vor, wie ich in ein imaginäres Instrument blase. Das ging über ein Jahr lang so, bis ich schließlich auf höchst merkwürdige Weise ein Instrument bekam, aber das ist eine ganz an- dere Geschichte. Wie ich bereits erwähnt habe, ging ich in die öffentliche Bibliothek von Birming- ham, suchte mir die LPs meiner Wahl aus und hörte sie mir dann wiederholt an, bis ich sie wieder ab- geben musste. Ich hatte etwas gefunden, das mir die Informationen zurückgab, die ich in meinem Kopf hörte. Ich weiß nicht wirklich, wie ich es er- klären soll, aber die Musik gab mir die Weisheit und die Informationen, die mir in meinem Alltag fehlten, und ließ mich genau verstehen, was in meiner städtischen Umgebung geschah. Ich hat- te ein Buch mit dem Titel „Pictorial History of Jazz“ und darin waren viele Schwarzweißfotos von all den berühmten Jazzmusikern, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Amerika dazu beigetragen hatten, die Musik zu formen. Ich schaute mir im- mer die Fotos des Musikers mit dem ernstesten Gesicht an, notierte seinen Namen und ging dann in die Bibliothek und suchte nach seiner Musik, um herauszufinden, warum er so aussah, wie er aussah. Genau so entdeckte ich Coltrane. Es war das Foto von ihm, wie er 1957 mit Thelonious Monk im „5 Spot“ in New York City spielte, das mich da- zu brachte, mir die Musik anzuhören, die sein Ge- sicht so ernst und intensiv aussehen ließ. Ich weiß nicht, wie man das nennen würde, was ich zu die- ser Zeit tat und durchmachte. Aber ich weiß nur, dass diese Musik mir geholfen hat, meine Position als junger Schwarzer, der in den 1970er-Jahren in einer sich wandelnden Gesellschaft im kulturell gespaltenen Großbritannien aufwuchs, besser zu verstehen.
Von 1966 bis zu seinem Tod im Jahr 1967 galt Coltrane als Speerspitze einer neuen Generation von Jazz-Modernisten. Einer Generation, die po- litisch engagierter und sozial bewusster war als die vorherigen, und deren Musik die wachsende politische Empörung der Zeit widerspiegelte. Coltrane selbst blieb seltsamerweise ein Huma- nist, der eher mit der gewaltfreien Philosophie

