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Ehrlich gesagt wäre meine Hommage an John Coltrane nicht vollständig, wenn ich nicht erwähnen würde, was mit mir geschah, als ich erfuhr, dass dieser brillante Musiker gestor- ben war. Sie müssen verstehen, ich entdeckte den Jazz in den frühen 70ern, also war meiner Meinung nach jeder, den ich hörte, noch am Leben. Auf den LP-Hüllen standen die Aufnah- medaten und was wo stattge- funden hatte. Aber in meinem Fall wurde nie erwähnt, dass jemand gestorben war. Das bringt mich also zu diesem ei- nen bestimmten Nachmittag. Nachdem ich von den wöchent- lichen Hörsitzungen in der Bi- bliothek zurückgekommen war,
hatte ich beschlossen, dieses Mal ein paar Bücher über Jazz auszuleihen, und während ich das Buch „Jazz Masters in Transition 1957 - 69“ las, wurde erwähnt, dass Coltrane gestorben war. Mir fehl- ten die Worte und ich wusste nicht, was ich den- ken sollte. Tatsächlich fiel mir überhaupt nichts ein. Nichts schien für mich mehr Sinn zu ergeben, ich war geschockt. Ich saß zufällig neben meiner Mutter, die am Samstagnachmittag Socken stopfte, wie Mütter es damals taten. Während ich mir ständig sagte: „Er ist tot, er ist tot, er ist tot.“ Mama sah mich in ihrer typisch jamaikanischen Art, Dinge zu verstehen, die absolut nichts mit einem persönlich zu tun haben, an und sagte: „Junge, was redest du da? Du hast ihn nicht ein- mal gekannt.“ Eine tiefgründige Aussage, wenn es je eine gab. Das Seltsame ist, dass ich mich tage- lang krank fühlte, als ich erfuhr, dass er gestorben war. Ich hatte das Gefühl, ein Familienmitglied verloren zu haben, ich war am Boden zerstört. Ich brauchte ewig, um zu verstehen, dass ich jeman- dem zugehört hatte, der lange vor meiner Entde- ckung der Jazzmusik gestorben war, und dass er mein persönliches Wesen so tiefgreifend beein- flussen konnte. Ich werde John Coltrane ewig dankbar sein. Er hat mir den Kopf verdreht und mein Leben für immer
verändert. „Get yourself a copy of this album.“ (Honest John, Februar 2025)
 von Dr. Martin Luther King Jr.
im Einklang stand als mit der
konfrontativen Haltung von
Malcolm X oder den Black
Panthers. Dennoch war seine
Musik ein unauslöschlicher
Teil des Soundtracks dieser
turbulenten Ära, und die Auf-
nahmen, die er gegen Ende
seines Lebens machte, blei-
ben die umstrittensten seiner
gesamten Karriere. Coltrane
machte weiterhin Fortschrit-
te mit Sessions, die zwischen
Stücken schwankten, die
schrill und intensiv sein konn-
ten, und Klangteppichen, die
zutiefst introspektiv und ru-
hig waren. Die musikalischen
Samen, die während der „Love
Supreme“-Sessions keimten,
sagten voraus, wohin Coltranes Musik gehen wür- de. Die Inspiration, die sein Erbe weiterhin aus- strahlt, ist so stark, wie sie für uns alle notwendig ist. In seinem letzten Jahr, als Coltranes Ruf und Bekanntheit ihren Höhepunkt erreichten, merk- ten die Menschen in seinem Umfeld, dass etwas nicht stimmte. Er hatte oft Schmerzen und litt an Leberkrebs, wie man später erfuhr. Er trat weiter- hin auf und nahm auf, nur wenige Wochen vor seinem Tod am 17. Juli 1967. Coltrane starb mitten in einer Suche, die bis zum Schluss musikalisch motiviertwar.DieAuswirkungenaufdieMusiksze- ne waren erschütternd. Er hinterließ eine fassungs- lose Gemeinschaft von Musikern und Fans sowie seine Frau Alice, eine Tochter Michelle und drei Söhne – John Jr., Ravi und Oran. Außerdem einen Katalog von Aufnahmen, aus denen weiterhin Musik herausgegeben und neu aufgelegt wird. Abgesehen von allen Auszeichnungen ist klar, dass Coltranes Bedeutung heute in seiner Rolle als Mu- sterbeispiel für künstlerische Aufopferung und spirituelle Vision liegt, einer originellen Stimme, die ganz oben auf der Liste der afroamerikanischen Kulturhelden steht. Die Inspiration, die sein Erbe bis heute ausstrahlt, ist nach wie vor so stark wie nötig – ein Beweis für die vereinende Kraft der Musik: ein Argument, unser gemeinsames Erbe zu schätzen; eine Aufforderung, zuzuhören, um voneinander und miteinander zu lernen.








































































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