Von Stefan Bergmann, 11.10.2017

Die Bundestagswahl ist gelaufen. Und Münster war wieder toll.

Und Münster war wieder toll. Gefeiert hat man uns bundesweit, weil hier die AfD unter der Fünf-Prozent-Hürde geblieben ist. So gefällt sich das politische Münster. Eigentlich sollte dieser Presseausweis gar nicht von Politik handeln. Sondern von Kunst. Und deswegen nur ein Satz zur Wahl: Münster hat sich die relative AfD-Freiheit erkauft mit einer zutiefst a-sozialen Politik gegenüber Menschen, die sich die Insel der Glückseligkeit nicht leisten können und deswegen aufs Land ziehen. Oder wenigstens nach Coerde oder Berg Fidel. Menschen mit geringem Einkommen, mit gebrochenen Lebensläufen, Arbeitslose, Sozialhilfe-Empfänger. Alle Parteien haben es in den vergangenen Jahren zugelassen, dass sich die Stadt zu einem Hochpreis-Gebiet entwickelt. Und dass eine überregionale Tageszeitung auf der Suche nach Erklärungen für das schlechte AfD-Abschneiden gerade im Kreuzviertel nach Gründen gesucht hat, ist skurril. Einerseits, weil der Eindruck erweckt wird, dass ganz Münster so sehr Toscana wie das Kreuzviertel ist. Andererseits, weil die Zeitung genauso gut hätte nach Hamburg-Blankenese gehen können oder an den Starnberger See - um sich dann zu wundern, warum dort niemand die AfD wählt. So stellt man als Journalist Fragen, wenn man auf komplexe Antworten keine Lust hat.

Verrückt. Jetzt habe ich doch so viel zur Politik geschrieben, dass kaum noch Platz bleibt für die Skulptur-Projekte.

Also, dann in Kurz-Form: Wenn sich die Kuratoren einer solchen Ausstellung nach dem Ende der Ausstellung öffentlich darüber beschweren, dass die Menschen die Kunst kritiklos hingenommen haben, dass sie sich nicht an ihr gerieben haben, dass der Steg von Ayse Erkmen im Hafen viel zu sehr geliebt denn geachtet wurde - dass also alles, in den Augen der Kuratoren, nicht so optimal gelaufen ist: Was sagt uns das? Dass da irgendjemand seinen Job nicht richtig gemacht hat und händeringend versucht, die Verantwortlichkeit jemandem anders zuzuschieben? Es könnte natürlich auch sein, dass den Künstlern einfach nichts mehr einfällt zu Münster. Die vergangenen Provokationen - fliegende Madonna, Betonkugeln am Aasee, Reichsadler vor dem Hanse-Carré - würden heute niemand mehr ärgern. Selbst die dahingeworfenen Röhren am Erbdrostenhof produzierten in den vergangenen Monaten höchstens ein westfälisches - also kaum wahrnehmbares - Kopfschütteln. Vielleicht hat Kaspar König recht, wenn er sagt: „Münster ist vielleicht nicht mehr die richtige Stadt für die nächsten Skulptur-Projekte“. Vielleicht sind Künstler und Kuratoren aber auch einfach an Münster gescheitert, diesmal. Die ursprünglich geplante Flüchtlings-Installation - ein ausgerollter Stacheldrahtzaun auf dem Schlossplatz -, war ja schon frühzeitig abgesagt worden. Aber dazu hätte Mut gehört.

P.S.: Vielleicht hätte man einfach den missglückten Skulptur-Projekte-Faltplan zu Kunst erklären sollen. Denn an dem rieb sich nun wirklich jeder. - Stefan Bergmann

Archivtexte Presseausweis

Stefan Bergmann Stefan Bergmann

Beiträge 2017