Von Langeweile kann nicht die Rede sein...

In der vorletzten Woche mussten wir meinen Vater (90 Jahre) mit einer schweren Erstickungsattacke per Notarzt ins Krankenhaus transportieren lassen. Er war dunkelblau/violett angelaufen und es war höchste Eisenbahn.
Danach war er weg, ich durfte im Eingangsbereich einen Koffer abgeben und das war’s.
Bis Montag mittag war es mir weder gelungen, eine Arzt an den Apparat zu bekommen geschweige denn, mit meinem Vater selbst zu reden. Am Montag mittag rief mich dann ein genervter Arzt an, mein Vater würde randalieren und wenn er nicht mitarbeiten wolle, dann könne er auch nichts tun.
Der Coronatest sei negativ, ob er eine Embolie habe oder gehabt hatte, sei nicht eindeutig.
Ich habe Papa dann am Montag nachmittag, also drei Tage später, mit Einwilligung des Arztes nach Hause abholen können.
Später stellte sich heraus, dass mein Vater den Vorfall selbst nicht mehr erinnerte und quasi im Krankenhaus wieder aufgewacht war. Auf sein Bitten hin, mit seiner Tochter sprechen zu können, hätten die Schwestern ihm nur gesagt, die Tochter müsse jeden Moment kommen.
Sicherlich ist der alte Mann aufgrund seiner extremen Schwerhörigkeit ein schwieriger Patient. Man muss sich vor ihn hinsetzen und deutlich sprechen, damit er etwas versteht. Bestimmt war er nach dieser Grenzerfahrung, fast erstickt zu sein, auch noch durcheinander. Ich kenne ihn aber zu gut, um auszuschließen, dass er randaliert hat. Ihn zeichnet eine fast schon übertriebene Achtung vor den sog. Fachleuten aus, wie er die Ärzte nennt.
Man hatte ihm nur nicht erläutert, warum er im Krankenhaus war und über das gesamte Wochenende hingehalten mit der Info, ich würde jeden Moment kommen.

Vergangenen Samstag im elterlichen Garten. Meine Mutter momentan recht fit, mein Vater ziemlich wackelig 

Mein Vater ist alt und fast taub, aber er ist nicht blöd. Es bedarf nicht viel Phantasie um zu erkennen, wie groß die Angst nach corona-symptomatischem Anfall gewesen sein muss, zumal wir im Fernsehen sehen und in den Zeitungen lesen, dass die Wahrscheinlichkeit, lebend aus dem Krankenhaus zu kommen, eher gering ist.
Am Montag nachmittag öffnete sich dann der Fahrstuhl und ein komplett verstörter Mann im Rollstuhl wurde mir 'ausgehändigt'. Ich habe ihm dann erklärt, was ihm widerfahren ist und dass wir Kinder permanent versucht hatten, über die Schwestern an ihn ranzukommen; dass wir ihm eine Telefonkarte besorgt und die Schwestern gebeten hätten, ihm bei der Einrichtung behilflich zu sein.

„Ja“, sagte er, „da war eine Schwester, die das auch versucht hat mit dem Telefon, dann aber nur gemeint hat, die Anlage sei kaputt, da könne sie auch nichts machen“. „ Aber Papa“, antwortete ich, „hast du denn nicht mal darum gebeten, dass dir irgend jemand das Handy gibt, damit du mich anrufen kannst?“ „Doch, natürlich, aber die haben nur gesagt, das das eigentlich nicht und jetzt bei Corona sowieso nicht geht“. Er berichtete davon, dass permanent ganze Gruppen von jungen Ärzten dich die Flure gelaufen seien, da hätten Tagungen stattgefunden, so die Schwester.
Nun ist es so, dass auch in Nicht-Corona-Zeiten die Betreuung alter Menschen im Krankenhaus ohne die am besten permanente Anwesenheit der Angehörigen katastrophal ist. Wir haben da leidvolle Erfahrungen mit unseren Eltern, die 2018, 2019 und auch schon in diesem Jahr mehrmals eingeliefert wurden.
Mein Vater vertraut den Ärzten und ist meistens mit deren Plänen mit ihm einverstanden. Als Privatpatient wird mit Vergnügen noch hier und da nachgeschaut. Meine Mutter (im Oktober 92 Jahre alt) ist da eher skeptisch, sie hat das Problem, besonders in einer ungewohnten Umgebung all das Gesagte sofort wieder zu vergessen. Also ist man am besten permanent anwesend, um ja vor Ort zu sein, wenn der Arzt kommt.
Zur Zeit allerdings scheint nur interessant zu sein, wer coronapositiv getestet wurde. Alle anderen werden entweder gar nicht aufgenommen, um Platz für die erste, zweite oder dritte Welle zu schaffen oder es wird sich nur rudimentär gekümmert.
Ich habe in den vergangenen Jahren immer nur unter Personalmangel extrem belastete Schwestern erlebt, die für diese beschissenen Verhältnisse ausgesprochen engagiert gearbeitet haben.
Als Papa weggefahren wurde, tröstete ich mich damit, dass die Krankenhäuser momentan ja nicht übervoll seien und man sich bestimmt um den alten Mann kümmern würde. Ich bin nicht informiert, ob auf den Stationen in voller Besetzung gearbeitet wird oder nicht. Mir ist nur restlos unerklärlich, warum sich nicht auf die angehörigenlosen Zustände eingestellt wird. Es müssten doch eigentlich alle wissen, dass die Betreuung der Patienten schon seit vielen Jahren ohne die aktive Mithilfe der Familienmitglieder noch schwieriger ist, als dies ohnehin der Fall ist.

Dazu passend, auch wenn ich etwas abschweife, ist die Regelung der häuslichen Betreuung. Meine Eltern haben seit einem Jahr eine polnische 24-Stunden-Betreuung in ihrem Zuhause. Unsere Aleksandra ist eine wunderbare Frau, die sich rührend um die Eltern kümmert. In Deutschland wäre es gar nicht möglich, EINE Person genehmigt zu bekommen, die mit den Alten wohnt, sich mit ihnen ein Badezimmer teilt. Man müsste drei Betreuer*innnen haben, die sich die 24 Stunden untereinander aufteilen. Unbezahlbar. Die Kassen zahlen in Abhängigkeit des Pflegegrades etwas Geld für „... körperbezogene Pflegemaßnahmen und pflegerische Betreuungsmaßnahmen sowie für Hilfen bei der Haushaltsführung als Sachleistung (häusliche Pflegehilfe). Allerdings kann die häusliche Pflegehilfe gemäß Paragraph 36 Abs. 4 SGB XI nur durch geeignete Pflegekräfte oder bei ambulanten Pflegeeinrichtungen, mit denen die Pflegekasse einen Versorgungsvertrag abgeschlossen hat, angestellt sind“. Das heißt im Klartext: wenn es nicht ausreicht, dass jemand (womöglich wechselnde Personen) zum Kompressionsstrümpfe anziehen, zum Mittagessen, zum Einkaufen… kommt, dann ab ins Heim. Dort wird dann bezuschusst. Die 24 Stunden-Betreuung, auch wenn es sich um einen Vertrag mit einer deutschen Seniorenbetreuung handelt, die dann wiederum mit einer polnischen Firma zusammenarbeitet, scheidet aus.

Der Eiswagen, der schon zu meiner Kindheit regelmäßig kam, war da!

Meine Eltern wären längst tot, hätte man sie aus ihrem Zuhause in ein Heim verfrachtet. Das eigene Wohnzimmer, das eigene Bett, der Sessel und der Garten sind doch die einzig verbliebenen vertrauten Gefährten in dem immer kleiner werdenden Radius.

Was machen wir mit unseren alten Leuten?
Das hat kein Elternteil verdient, sie haben uns in der Regel aufgezogen und zu den Erwachsenen gemacht, die wir sind. Natürlich gibt es Tausende von Fälle, in denen das Alters- bzw. Betreuungsheim für vor allem zur Witwe oder Witwer gewordenen alten Menschen die ideale Alternative ist. Aber es gibt bestimmt ebenso viele Senior*innen, die allzu gerne so lange es geht in ihrem vertrauten Heim bleiben würden. Da sind aber die Kassen vor, die uns Kinder mit einem Einzeiler abspeisen, weil sie halt nur Verträge mit ihren eigenen Unternehmen haben. Statisch, menschenverachtend, zutiefst bürokratisch und aussichtslos.
Deshalb freuen wir uns, eine liebevolle individuelle Lösung gefunden zu haben, na klar! Dennoch, es bleibt ein ganz ekeliges Geschmäckle.

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Uli Wiemann
ist 58 Jahre alt und arbeitet seit 35 Jahren bei der na dann … Sie kommt gebürtig aus Wuppertal und lebt in Handorf
uli@nadann.de

Autor: Uli

Archivtexte Ein halbes Leben na dann…

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