Volker Hentig - Eingesperrt?

Wie fühlt es sich an, wenn man als Oldie mit diversen im Leben so angesammelten und bewältigten Krankheiten als „Riiisikoo“ wahrgenommen wird? Es ist nicht lange her, dass ich im Presseausweis gelassen und dankbar über die erlebte Solidarität mit den jüngeren Generationen berichtete.
Wenn sich nun immer mehr Menschen aufmachen und gegen die Beschränkung ihrer Lebensführung und die Maskenpflicht demonstrieren, bedeutet das für alle anderen, einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt zu sein. Rosa Luxemburg sagte „Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden“. So ist es. Verkürze auf „Freiheit der Anderen“, dann übersetze ich es mir so, dass ich mit meiner freien Entscheidung für mich auf deren Folgen für andere bedacht sein muss.
Das ist kein hehrer Grundsatz aus alten Zeiten, sondern Überlebensnotwendigkeit in Gesellschaften. Was also denken sich die Protestierer (wenn sie denn denken)? „Schützt die besonders Gefährdeten“, sagen sie freundlich. Dankeschön. Oder meinen sie „Einsperren, damit wir sie nicht anstecken können, wenn wir uns unsere Freiheit nehmen?“ Da sind wir Alten und Kranken also in unseren vier Wänden still und ergeben zum Ausharren verurteilt, während der öffentliche Raum sich langsam wieder füllt mit sommerlich Gekleideten, die ihren „Spaß“ zurückbekommen?

So würde es sich anfühlen

Nun also, ich, Gefährdeter, der jeden Tag seinen Alltag meistern muss unter schwierigen Bedingungen, der erlebt, dass seine Kontakte sowieso immer weniger werden, ich schaue traurig auf diese Mentalität, die an der uns verbliebenen Lebensfreude kratzt, nur weil sich Mitmenschen das kleine Ärgernis, im geschlossenen Raum eine Schutzmaske zu tragen und Abstand zu halten, nicht „zumuten“ wollen. Es sind ja nicht alle, aber wie immer sind die Wenigen, denen es gelingt, Aufmerksamkeit zu erregen und deren Stimmen hörbar sind, die „Meinungsführer“. Aber wir haben eine Hoffnung, „5 Landkreise coronafrei!“ jubelt die Zeitung mit den großen Buchstaben!
Morgen möchte ich lesen „Münster und Bielefeld und …. Coronafrei“! Dann, bitteschön, werfen Sie bitte diesen kleinen Artikel in die Papiertonne und ich habe mir die ganze Mühe des Schreibens gerne umsonst gemacht. Umarmen können wir uns später.

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Volker Hentig

Volker Hentig
Volker Hentig ist 90 Jahre alt und wohnt mit seiner Frau in Bielefeld. Beruflich war er Unternehmer.

Autor:

Archivtexte Gastbeitrag

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