Schäumchen, aber günstig? Teil 1

Uli: Tobi, schreib mal was!
Tobi: Uli, gern, worüber denn?
Uli: Tobi, schreib doch einfach über Wein!
Tobi: Uli, mach ich!

Tobi steht also im Supermarkt in der Kassenschlange und denkt über Weinthemen nach. Mit Mundschutz und zwei Metern Abstand zum Vordermann, so, wie es sich neuerdings ziemt. Dieses dauernde Herumstehen, ob an der Kasse, draußen vor dem Eingang der Bäckerei oder in der Warteschlange vom Recyclinghof, erbringt nicht nur unerwartete, nette Gespräche, wie Linda letzte Woche schrieb, sondern schafft auch gänzlich neue Perspektiven.
In diesem Fall warte ich gerade neben dem Weinregal in besagtem Markt. Das ist ein Bereich, an dem ich normalerweise achtlos vorbeigehe, schließlich hat man davon genug und in besserer Qualität im Keller. Angesichts der angebotenen Sekte und Champagner kommt mir ein Reim von Wilhelm Busch aus "Die fromme Helene" in den Sinn:

Willi Busch, passionierter Biertrinker

Wie lieb und luftig perlt die Blase /
Der Witwe Klicko in dem Glase.

Nun, Champagner von Veuve Clicquot-Ponsardin muss es ja nicht unbedingt sein, aber hier haben wir es mit dem anderen Ende der Preisskala zu tun: € 2,79. Für eine Flasche Sekt. Ich bin fassungslos! Da es sich auch um kein unterpreisig kalkuliertes Sonderangebot, z.B. zur Lagerräumung, handelt, lohnt es sich, einmal nachzurechnen. Also:
€ 2,79 abzüglich 19% Mehrwertsteuer sind € 2,34. Jetzt wird es sofort spannend: Auf jeden Liter importierten oder im Lande produzierten Schaumwein, ob Sekt, Champagner, Spumante, Crémant oder Cava, fallen € 1,36 Schaumweinsteuer an, also pro 0,75l-Flasche € 1,02.
Diese Schaumweinsteuer gibt es, weltweit einmalig, nur in Deutschland und seit 2014 in Österreich, eingeführt im Jahre 1902 von unserem - glücklicherweise ebenfalls einmaligen – letzten Kaiser Wilhelm II. Der brauchte dringend Geld für sein Lieblingsspielzeug, die kaiserliche Kriegsmarine. Um ans Gesparte seiner Untertanen zu kommen, griff der sonst eher tumb agierende Imperator er zu einem unerwartet genialen Trick. Schon Anno Tobak nämlich waren wir Deutschen Weltmeister im Schaumweinverbrauch. Also – schwupps – erst 50 Pfennig, dann eine Reichsmark, später derer zwei, Luxussteuer auf jede Flasche, und schon hämmerten und schweißten Deutschlands Werften, was das Zeug hielt.

Willi der Zweite, passionierter Militarist

Die Sektsteuer überstand Kaiserzeit, Ersten Weltkrieg, Weimarer Republik, auch das Dritte Reich samt Zweitem Weltkrieg vollkommen unbeschadet und reüssierte nach der Währungsreform 1949 mit 2 DM (seit 2001 € 1,02) pro Buddel Prickelwasser als moderne Verbrauchssteuer. Heuer bringt die Abgabe dem Fiskus knapp 500 Millionen Euro ein – pro Jahr!

Willi der Kleine - passionierter Badewannenkapitän

Verblüffend dabei: Es wird nicht der Alkohol besteuert (was ja, ähnlich wie bei Branntwein- und Tabaksteuer, unter dem Aspekt der Gesundheitsvorsorge durchaus plausibel wäre), sondern die 'luxuriös' anmutende Ausstattung mit schwerer Flasche, Halsschleife, Sektkorken, Agraffe (das Drahtgeflecht, was den Korken festhält) und Kappe.
Und weil ich jetzt schon wieder über 400 Wörter geschrieben habe, geht es nächste Woche mit Teil 2 weiter!

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Tobias Voigt
ist 49 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Töchter. Er wohnt in Münster, arbeitet seit 25 Jahren bei der na dann und ist Weinhändler (divino.de)
tobi@nadann.de

Autor: Tobi

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