Back to life, back to reality (2)

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Gewohnheiten geben uns Halt, Sicherheit und Struktur.
Mein Leben vor Corona war eng strukturiert mit viel Routine. In meinem Leben waren die Tage mehr als sehr gut ausgefüllt. Mit einem Schlag fielen Anfang März alle Strukturen und Gewohnheiten weg. Keine Schule, keine Termine, keine Freizeitaktivitäten, keine Verabredungen. Meine Arbeitszeiten änderten und verringerten sich. Wir genossen und nutzten in der Anfangszeit die vermehrten Stunden miteinander. Zeit um gemeinsam zu kochen, Zeit um ein Zelt aufzubauen, Zeit um die Schulaufgaben autark nach eigener innerer Uhr zu erledigen. Alte Gewohnheiten wichen neuen, lockereren. Die bekannten Strukturen im Haus lösten sich im Laufe der Wochen immer mehr durch den Wegfall der üblichen Gewohnheiten auf. Meine Töchter kamen aus ihren Schlafsachen nicht mehr raus, die Abende wurden länger, das Erledigen der Schulaufgaben Zuhause fiel zusehends schwerer, auch im Hotel Mama zogen meine Töchter wieder ein. Diskussionen um die Schulaufgaben häuften sich mit zunehmender Dauer des Homeschoolings.
Durch die Lockerungen der letzten Wochen kehrt nun wieder vermehrt Struktur in unseren Alltag zurück.
Meine älteste Tochter hat nun auch endlich ihren Stundenplan und sie darf montags und donnerstags von 8-13 Uhr in die Schule. Der Stundenplan für die erste Woche steht auch. Sie freut sich sehr darauf, zumindest die Hälfte ihrer MitschülerInnen wiederzusehen. Meine Zwillingsmädchen gehen regelmäßig unregelmäßig zur Schule, da ihre Gruppe mit den anderen Klassengruppen rotiert. Hier ein Tag, da ein Tag. Ihre Freundinnen in der anderen Klassengruppe haben an anderen Wochentagen Schule. Somit werden sie sie nicht mehr sehen bis zum eventuell stattfindenden Abschluss. Insgesamt geht meine ältere Tochter nun noch sieben Mal á 4 Unterrichtseinheiten (67,5 Minuten) in die Schule, die Zwillinge noch fünf Mal á 4 Unterrichtsstunden (45 Minuten). Ich bin froh über ein wenig Regelmäßigkeit und Abgabe eines Teils der Lernlast. Klassenarbeiten werden in der verbleibenden Zeit nicht mehr geschrieben. Die Leistungsbewertung „beruht im zweiten Halbjahr auf der Gesamtentwicklung während des gesamten Schuljahres unter Einbeziehung der Zeugnisnote im ersten Halbjahr. Die Schülerinnen und Schüler haben im zweiten Halbjahr natürlich auch bewertbare Leistungen bis Mitte März 2020 im regulären Unterricht erbracht. Außerdem können die Leistungen aus dem 'Lernen auf Distanz' (ausschließlich) positiv bei der Notenfindung berücksichtigt werden.“ (aus dem Schreiben des Direktors des Gymnasiums). Aha, ok, so geht die Bewertung unter Corona erst einmal. Ich bin sehr gespannt, in welchem Umfang und wie es nach den Sommerferien weitergeht. Der Virus wird ja nicht von heute auf morgen verschwunden sein und bislang wird nichts verlautbart, wie es langfristig geplant ist.

Die Strukturen kehren in den Alltag zurück.

Aufgrund der unregelmäßigen Schultage der Zwillinge habe ich meinen Küchenkalender wieder zum Leben erweckt. Das Wochenblatt von Ende März kam endlich runter. Schwupps, stand Mai über der Woche und der Stift wurde gezückt. Zuerst wurde er mit den Schultagen der Kinder befüllt. Zu den Schulbesuchsterminen gesellten sich mittlerweile auch die Termine für den Schlagzeug- und Gitarrenunterricht und die Logopädie hinzu. Es fehlen nur noch die Sporttermine und der Wochenplan ist auf altem Niveau. Es ist ein beruhigendes Gefühl, dass der Alltag zurückkehrt. Aus alten Gewohnheiten werden neue. Abstand halten, Masken tragen, dies alles ist uns in Fleisch und Blut übergegangen und wird nun auch bei den Terminen der Kinder angewendet. Ich hoffe, dass ich mich schnell wieder daran gewöhne, regelmäßig auf den Küchenkalender zu blicken. Es wäre peinlich, wenn wir einen Termin verdaddeln… Zum Glück müssen wir uns ja nicht so lange an an den Alltag gewöhnen, denn in gut vier Wochen sind ja schon wieder Sommerferien :)

Happy Birthday auch dir, Grundgesetz

Eine andere, jährliche Gewohnheit ist mein Geburtstag im Kreise meiner Familie und abends mit Freunden. Dieses Jahr fällt er nun in die Lockerungszeit. Während meine Nichten Ende März ihren 14. Geburtstag nicht feiern durften und wir ihnen nur per recht traurigem FaceTime-Anruf gratulieren konnten, sind bei mir die Regeln gelockert worden. Die NRW-Regierung hat mitgeteilt, dass Geburtstagsfeiern in einem gewöhnlichen Rahmen in den eigenen vier Wänden erlaubt seien. Was ist ein gewöhnlicher Rahmen? Und möchte man wirklich eine Einladung aussprechen und das Risiko tragen? Bei mir gehören zum gewöhnlichen familiären Rahmen acht Haushalte. Mein Freundeskreis besteht aus wesentlich mehr. Meine komplette Familie hat in persönlichen Gesprächen und Abwägung des Für und Widers ihr Kommen zugesagt für den Nachmittag. Bei meinen Freunden bot sich ein komplett anderes Bild. Sie sind alle sehr verunsichert. Man darf sich im nicht öffentlichen Raum treffen, doch sollte man es tun? Nach den ersten Gesprächen war schnell klar, dass ich sie von der Unsicherheit befreien musste. Somit wird mein Geburtstag mit meiner Familie gefeiert, abends stoßen zwei befreundete Ehepaare hinzu. Ich hätte sehr gerne mehr Freunde zum ersten Mal seit langem gesehen, möchte sie allerdings nicht in die Bredouille bringen. Die Zeit wird kommen, auch diese Gewohnheit wieder aufleben zu lassen und nachzufeiern. Mein Geburtstagszwilling, das deutsche Grundgesetzt, hat derzeit ganz andere Sorgen. In der momentanen Situation wird immer wieder die Frage gestellt, wie sich die Corona-Maßnahmen des Bundes und der Länder in Einklang bringen lassen mit dem Grundgesetz. Zum Schutze der Allgemeinheit werden Grundrechte eingeschränkt - was ist der goldene Weg, darüber ließ und lässt sich vielfach diskutieren. Ich bin froh, dass ich in diesen Fragen nicht entscheiden muss und gehe nun in den Garten mit meiner Familie auf meinen Geburtstag und den des Grundgesetzes anstoßen :-)

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Brit(ta) Schiffmann
ist seit 21 Jahren bei der na dann … und arbeitet in Bocholt von ihrem Homeoffice aus.
britta@nadann.de

Autor: Britta

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