Offener Brief und Volker Hentig

Lernen ist Beziehungsarbeit. Schule ermöglicht Chancengleichkeit.

Offener Brief – Schule nach den Sommerferien?
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Ministerin Gebauer,
wir wenden uns heute an Sie, da wir um eine größere Transparenz und mehr Nachvollziehbarkeit Ihrer Entscheidungen bitten möchten. Uns ist bewusst, dass die Organisation des Schulalltags unter der Berücksichtigung des Gesundheitsschutzes komplex ist, daher geht es uns nicht um Polarisierung, sondern um Klarheit und Transparenz für die Zeit nach den Sommerferien.

8. Klasse. Innerhalb von fünf Monaten drei Tage Präsenzunterricht.

Unsere konkreten Fragen zielen besonders auf den Alltag mit Kindern. Wir Eltern benötigen Perspektiven für uns und unsere Kinder, mindestens für die Zeit nach den Sommerferien. Ebenso sehen wir bei den Lockerungsmaßnahmen eine zunehmende Diskrepanz zwischen der Strenge an den Schulen und den Lockerungen in allen sonstigen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Da die Entscheidungen zum Thema Schule bisher sehr kurzfristig kommuniziert wurden, ist unser Hauptanliegen eine Perspektive bereits vor den Sommerferien zu bekommen.

Unsere Fragen zur aktuellen Situation an den Schulen in NRW lauten:
• Warum wird „Schichtbetrieb“ ausgeschlossen (Nachmittags- oder Samstagsunterricht)?
• Wurden Studierende und sonstige pädagogische Fachkräfte für den Einsatz an den Schulen angedacht und angefragt, um personelle Engpässe auszugleichen?
• Wurden Konzepte für einen Unterricht draußen oder an alternativen Lernorten geprüft?
• Haben die Schulen Möglichkeiten, zusätzliche Räumlichkeiten (städtische, kirchliche Einrichtungen) zu nutzen?
• Welche Formen der Zusammenarbeit von Offenem Ganztag (Betreuung und Unterricht) sind geplant?
• Warum wird weiter lediglich eine „Not“betreuung angeboten, bei der viele Familien und Berufsgruppen nicht berücksichtigt sind?
• Wie liegen die Prioritäten zwischen Betreuung und Unterricht bei der Suche nach Lösungsmöglichkeiten für alle Kinder und damit für alle Familien?

Unsere Fragen zum Planungsstand:
• Werden aktuell im Ministerium für Schule und Bildung des Landes NRW verschiedene Szenarien erarbeitet?
• Aufrechterhaltung des täglichen Unterrichts bei steigenden Infektionszahlen
• Aufrechterhaltung des täglichen Unterrichts bei gleichbleibenden Infektionszahlen
• Aufrechterhaltung des täglichen Unterrichts bei sinkenden Infektionszahlen.
• Können Schulen, Eltern, Kinder und Arbeitgeber davon ausgehen, dass bis zu den Sommerferien, ein verlässliches Schul- und Betreuungsangebot geschaffen werden kann, so dass sich wieder eine wirtschaftlich und beruflich planbare Perspektive und für die Kinder eine Chancengleichheit ergibt?

Seit über 11 Wochen gibt es keine Hinweise aus dem Bildungsministerium, wie und wann Schule und Betreuung wieder verlässlich stattfinden kann.

Wir möchten Sie bitten uns möglichst zeitnah zu antworten. Da Sie sicher viele derartige Anfragen bekommen und die Antworten für alle Schüler/innen und Eltern in NRW Relevanz besitzen, wäre es sicher eine gute Idee, wenn Sie diese in Form einer sogenannten FAQ Seite o.ä. auf dem Bildungsportal des Schulministeriums www.schulministerium.nrw.de publizieren.

Mit freundlichem Gruß,
die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner

Unterzeichnen Sie online unter www.schule-fuer-alle.de

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Prüfungsfahrt nach 67 Jahren
Je länger ein Führerschein lebt, desto sicherer wird der Fahrer/die Fahrerin, sich im Verkehr gut zurecht zu finden und desto erschreckender werden für ihn/sie die Unsitten der anderen, ihm die Vorfahrt zu nehmen, im Kreisel nicht zu blinken, 2 Meter Abstand als ausreichend bei 50 km/Std anzusehen und dergleichen mehr. Manchmal möchte ich fragen „na, Führerschein in der Lotterie gewonnen?“. Kürzlich überwand ich ein weiteres Dezennium Lebensjahre und las, dass der ADAC für einen Fahr-Fitness-Kursus warb, besonders empfehlenswert für ältere Menschen. Das könne man mit dem eigenen Auto, ein Fahrlehrer führe mit und würde auf Defizite aufmerksam machen, die Gewohnheit und Alter so mit sich brächten. Eine Urkunde gäbe es auch und das Kritikgespräch am Ende der Fahrstunde bliebe vertraulich. Den Führerschein verlöre man nicht.

Der kostete 1953 2/3 meines Monatslohns.

Ich fragte mich „bin ich wirklich so sicher, wie ich glaube? Sind da doch nicht auch bei mir Unsitten entstanden, die gefährlich sein können?“ Die ADAC-Mitarbeiterin am Telefon war jedenfalls sehr erfreut, so ein Training vermitteln zu können, das käme viel zu selten vor. Aha. Ich müsse auch keine Sorge haben, dass ich bei schlechten Ergebnissen meinen Führerschein… s.o. Dann kam die Verabredung mit dem Fahrlehrer und ich machte mich auf den Weg dorthin.

Zugegeben, ein wenig Prüfungsstimmung kam auf in seinem Büro. Meine erste Frage an ihn war: „das richtige Vorbeifahren an haltenden Bussen, das ist mir unklar. Manchmal hält einer an der Straße und die Warnanlage blinkt, manchmal aber auch nicht. Oder er steht in einer Haltestellenbucht und blinkt rechts, manchmal aber auch nicht. Irgendwo las ich, es mache einen Unterschied, ob das ein Linienbus ist oder einer des Bedarfsverkehrs, was ist nun richtig?“ Seine Antwort war klar: „wenn ein Bus hält, müssen Sie immer bremsbereit sein und besser einmal anhalten. Lassen Sie uns mal aufbrechen!“ Ich dachte, eins zu null für mich. Falsch, es war ein lebenskluger Rat. Er kannte mich noch nicht und wählte die sicherste Antwort.

Dann saß er neben mir und schnallte sich an, rechte Hand am Türgriff, die Füße abstützend, Körper zurückgelehnt, an die Sitzlehne gepresst. „Abfahren!“. Also fuhr ich ab. Nach ein paar Minuten wurde seine Haltung lockerer, er erzählte: „Gestern bin ich mit einer Dame gefahren, Schaltgetriebe. Sie brachte es fertig, die Gänge krachend einzulegen, arbeitete mit Vollbremsungen und Vollgas. Nie wusste ich – was macht sie denn jetzt?. Als ich vorsichtig fragte, wie oft sie denn mit dem Auto unterwegs sei, antwortete sie, das hier sei ja das Auto ihres Sohnes, ihres stünde seit einigen Jahren in der Garage, aber ihr Sohn hätte gesagt sie solle es doch noch mal versuchen. Wir waren wohl beide froh, als die Stunde um war, das Auto keine Beule bekam und ich auch nicht, zu guter Letzt fuhr sie beim Anhalten schräg über die Bordsteinkante, aber mit Ihnen geht’s scheinbar besser, und jetzt fahrn Se mal links rum.“ Er entspannte sich erkennbar.
Drei Fehler machte ich. Ich verzichtete auf den Schulterblick beim Abbiegen, denn es war eine Nebenstraße ohne Bebauung und ich hatte den Fuß-Radweg vorher schon beobachtet. Und ich überfuhr die Haltelinie an einer Kreuzung um einen Meter, um besser nach links an einem Gebüsch vorbei schauen zu können. Ach ja, der dritte Fehler war das Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit 30 km/h um 5 km/h. Jeder Fehler nur einmal während der Fahrstunde. Weshalb er auf dem diskreten Beiblatt vermerkte „sehr lernfähig“. Er konnte sich beim lockeren Abschied nicht verkneifen, zu sagen „für Ihr Alter aber recht gut“. Das schrieb er nicht auf. Schade.

... Die kostete EUR 59,90.

Nun rahme ich die Urkunde ein und rate jedem Altersgenossen, der uns besucht, zu einem solchen Fitnesstest. Aber es kommen so wenige. Deshalb schrieb ich das hier auf, vielleicht kann ich einen Opa oder eine Oma, falls er oder sie die NaDann liest, anregen, meinem Beispiel zu folgen oder eine Leserin, ein Leser findet Gelegenheit, ganz diskret diesen Text so nebenher weiterzureichen – to whom it may concern.

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Volker Hentig

Volker Hentig
Volker Hentig ist 90 Jahre alt und wohnt mit seiner Frau in Bielefeld. Beruflich war er Unternehmer.

Autor:

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