Odysseus, Bergtee und das Hansaviertel

Münster den 21. Juni 2020 n. Chr.

Seine Reise begann - wie wir uns erinnern im Mittelmeerraum. Er war müde vom Krieg, ließ ihn hinter sich, und ahnte nicht, dass er Penelope, seine Königin, über viele Jahre nicht wiedersehen sollte. Er meisterte ein Abenteuer nach dem anderen - von dem Sieg über den einäugigen Zyklopen bis hin zu den unwiderstehlichen Klängen der Sirenen -, ließ niemanden seiner Gefährten hinter sich und kam doch, mutterseelenallein, an sein Ziel. „Abgebrannt“ wie er war, musste es wohl Ironie der Geschichte gewesen sein, dass sein Ziel das Finanzamt an der Münzstraße war.
Nun muß man kein Kenner der griechischen Sagenwelt sein, um an dieser Stelle einen Bruch in der Geschichte zu erkennen. Und doch ist sie stimmig - und nicht nur für denjenigen, der einen Zusammenhang zwischen Kriegsgeschehen und Finanzwelt erkennen möchte. Des Rätsels Lösung: Der Odysseus der Geschichte ist nicht der Odysseus dieser Geschichte, die wir hier zu erzählen versuchen. Der eine Odysseus war König von Ithaka, der nach der Entführung der schönen Helena nach Troja durch den Prinzen Paris hinaus segelte, um die Unversehrtheit der Ordnung seiner damaligen Welt wieder herzustellen, weil er sich ihr verpflichtet fühlte. Er war es, der mit Mut und List das „trojanische Pferd“ einsetzte, um seinen selbstgesetzten Auftrag zu erfüllen und damit den Krieg zu einem Ende zu führen - und um sich dann auf eine zehn Jahre währende Heimreise zu begeben.
Unser Odysseus hingegen heißt Samir und ist ein Syrer aus Amuda im Nordosten des besagten Landes. 2015 besitzt er ein kleines Lädchen, ein Häuschen und ein Gärtchen, hat eine Frau und zwei kleine Kinder. Nach fünf Jahren Krieg erkennt er, dass es ihm nicht gelingen wird, sein Leben und all das, was zu seinem Leben gehört - wie es das Recht und die Pflicht eines jeden Menschen wäre - dort zum Blühen zu bringen. Nicht weit entfernt vom geschichtlichen Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, dem Ort des biblischen Garten Eden macht er - möglicherweise - die ur-menschliche Erfahrung der „Vertreibung aus dem Paradies“.
Wie hunderttausende anderer Menschen aus diesem Teil der Welt, beschließt er seine Reise in eine fremde Welt. Im Gepäck trägt er seinen Traum von einem „Garten“, der nur fruchtbar wird durch ein natürliches Zusammenwirken aller Geschöpfe, die in einem solchen Garten leben - wie es seinem Bild vom Dasein entspricht. - Die Odyssee nimmt ihren Lauf -. Über die grüne Grenze in die Osttürkei und weiter mit dem Bus nach Izmir an die Ägäis. Das Boot der „Schlepper“ - weniger seetauglich als das Segelschiff des Odysseus bei Homer - bringt ihn und seine Gefährten auf die Insel Chios nach Europa. Dann geht es weiter über das Meer mit einem „Seelenverkäufer“ nach Athen. Mancher verführerische Gedanke kommt auf - ähnlich vielleicht dem Ruf der Sirenen bei Odysseus: Warum nicht verweilen in diesem wunderschönen und friedlichen Land? Muss es Deutschland sein? Passt die dem Mittelmeerraum eigene Lebensfreude nicht besser? Doch Verwandte, die bereits in Deutschland leben und der sirenenhafte Ruf: „Wir schaffen das!“ lassen keine andere Wahl. Er zieht weiter an der Seite wechselnder Begleiter, gestärkt durch die gemeinsame Aussicht auf einen blühenden Garten und den wildwüchsigen Bergtee, mit dem er auf seinem Weg durch die Gebirge Griechenlands erstmals Bekanntschaft macht. Die weitere Reise führt durch Karl Mays „Schluchten des Balkans“.

Tagebuch: 17:55 01.November 2015
Grenzübergang Passau

Die Brücke nach Passau in Sicht! Wann Geht es weiter? Um 17:30 gehen wir rüber. Dort empfängt uns die Polizei: Herzlich Willkommen! Endlich da!!!
Tagebuch: 15:00 30. November 2015
Unterbringung Finanzamt MS-Innenstadt

Raus aus der Sammelunterkunft in der Oxford Kaserne. Ich betrete zum ersten Mal mein renoviertes Einzelzimmer im Zentrum der Stadt, Finanzamt an der Münzstrasse. Keine Ruhe. Das Zimmer befindet sich am Ende des langen Flurs, zwischen Toilette und Ausgang. Viele verwechseln die Tür.
Von Steuerflüchtlingen gerne gemieden, wird es zur Notunterkunft hergerichtet, für Kriegsflüchtlinge zur ersten Heimstätte. Die Odyssee nimmt ihren weiteren Lauf: Wie sprechen die Menschen und was sagen sie? Was essen sie? Welche Musik lieben sie? Wie leben sie? Was denken sie von mir? Schnell freundet er sich mit der deutschen Sprache an, der Zugang zur westfälischen Küche erweist sich als etwas schleppend. Mit seiner Oud - orientialische Kurzhalslaute - findet er bald eine syrisch-türkisch-serbisch-griechisch-deutsche Musikkapelle, die durch die münsteraner Kneipen zieht und auf einer deutschen Hochzeit für Stimmung sorgt.

Hinterhof-Musik

Tagebuch: 19:00 15.Februar 2017
Demo auf dem Prinzipalmarkt

Es erwarten 8000 Menschen von mir, Deutsch zu sprechen. Möchte meine Mitschüler und Lehrerin nicht enttäuschen. Die Leute gehen bei der Musik richtig mit. 5 Minuten Applaus!!!
Die Odyssee durch die dunklen Flure des Jobcenters in der alten Oxford-Kaserne beschreitet er tapfer und findet schon während des Deutschkurses verschiedene Arbeiten im Bereich der Telekommunikation - stets getrieben von der Sorge um eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Noch sind Frau und Kinder in Syrien- es wird noch eineinhalb Jahre dauern, bis sie bei ihm sind. Er gründet den Online-Radiosender HALA , der sich um die Vermittlung zwischen Neuankömmlingen und der Stadt Münster bemüht, auch um nicht den ganzen Tag an seine Familie denken zu müssen. Bei einer Kurzreise nach Neuköln in Berlin sieht er bei der Aufführung von „Doktor Faustus“ durch eine Roma-Gruppe zum ersten Mal einen Transvestiten. Es kommt noch doller; bei einem Bauchtanzwettbewerb in Kreuzberg stellt er, nicht wenig überrascht, fest, dass all die „Tänzerinnen“ sich als Tänzer einer Queer-Group herausstellen. Etwas Bekanntes, was sich ganz anders anfühlt. In der syrisch-libanesisch-israelischen Küche der Hauptstadt sind bereits viele Grenzen aufgehoben. Reingeschaut in viele Töpfe, eingetaucht in neue Zusammenhänge, gerät er ins Schwanken ohne über Bord zu gehen.
Samir, unterstützt von seinen neuen Freunden, kommt auf den Geschmack und beschließt einen Teil der Hauptstadt in das Hansaviertel nach Münster zu holen. Das Hansaviertel als der Ort, wo er seinen Traum von einem „Garten“ zum Blühen bringen kann: Die Idee des Meraki (dt. Hingabe) entfaltet sich. Der Kiez als bunte Blumenwiese, der von vielen kleinen „Gärtnern“ gepflegt wird. Im Frühling 2019 fährt er zu seinem Freund Dimitri, der in Griechenland Urlaub macht, zieht durch die Musik-Tavernen und Küchen Athens, lernt landwirtschaftliche Genossenschaften kennen und erinnert sich wieder an seinen Bergtee, der ihm vier Jahre zuvor zum Weitergehen verholfen hatte.

„Junges Gemüse“ vor dem Essen

Tagebuch: 19:00 14.Juni 2019
Mietvertrag Hansaring 69

Nach langer Suche sagt der Vermieter zu mir: Ich bin alt, kann mich nicht viel um die Räumlichkeiten kümmern. Darum bekommst Du eine preiswerte Miete und kannst sehr vieles selber gestalten. Mach was draus!

Arabischer Kaffeegenuss

In den darauffolgenden Monaten werden ganz kleine und große Schritte gemacht, begleitet von Menschen, die er schätzt und in Erwartung derer, die noch kennengelernt werden wollen. Samir kocht originelle Eintöpfe und bereitet levantische Vorspeisen (Meze) zu, schenkt Wein aus und stimmt Lieder ein. Neben dem hochgeistigen Tsipouro (Tresterschnapps) gibt es im Meraki Salon-Gespräche sowie spontane und organisierte Konzerte. Das Meraki als Spielraum, als dionysischer Raum des Feierns.

Tagebuch: 20:00 15.März 2020
Glück und Unglück

Die Baustelle am Hansring ist abgezogen, die neue Wohnung beozgen, ab morgen muss das Meraki wegen eines unbekannten kleinen Virus geschlossen werden. Mache mir Sorgen. Wie soll es weiter gehen?

Fürs Blumengießen muss Zeit sein

Unser Odysseus greift in Zeiten der Gefahr und des Wartens wieder zu einer List: Orientalische Bohnen-, Linsen-, und Erbseneintöpfe (Eintopf to go), sowie Olivenöl, Honig und Bergtee aus Griechenland (Store to go) sollen das Meraki als eine Blume in der Blumenweise Hansaviertel bewahren. Samir kauft Fisch und Wein beim Portugiesen um die Ecke auf der Wolbeckerstraße, Olivenöl, Honig und Bergtee von kleinen Familienbetrieben und Kooperativen aus Griechenland.

„Alshukr lilah“, westfälisch „Gott sei Dank“ füllt sich seit Anfang Juni der „Garten“ des Meraki wieder mit Freude und Leben ........Odyssee beendet?

- Meraki -
Hansaring 69
Bodo und Dimitri..........

Autor:

Archivtexte Gastbeitrag

Weitere Beiträge 2020