Was bleibt?

Ausgefallen!

Gestern war Ereignistag. Es war so viel los, dass mir heute noch der Kopf schwirrt und ich keinen klaren Gedanken fassen kann. Warum? Ein Erklärungsversuch:
8h: Verabschiedung von einer tollen Klassenlehrerin - am Fenster, da wir als Eltern die Schule nicht betreten dürfen. Gerne hätten wir einem anderen Rahmen gewählt - aber, dank Corona: keine Chance.
10:45h: Ferienanfang. Normalerweise gibt es eine große Verabschiedung der Viertklässler mit viel Programm und Emotionen. Ein Highlight zum Abschluss des Schuljahres! Es war leider nur eine abgespeckte Version möglich. Die Abgänger auf dem Schulhof, die restlichen Kinder in ihren Klassenzimmer an den Fenstern. Die Eltern der Großen durften teilnehmen, alle anderen Eltern leider nicht.

Storniert!

12h: Besuch einer alten Schulfreundin – viele News aus der Heimat und mein Köpfchen wurde voller...
Immer im Hinterkopf, dass wir nun eigentlich die Koffer gepackt hätten, um mitten in der Nacht nach Kalabrien zu fliegen – auch ausgefallen.

Anruf meiner Arbeitskollegin – es wird gravierende Änderungen im Betrieb geben, die am Montag, meinem ersten Urlaubstag, verkündet werden sollen.
Spätestens seit dem Anruf laufe ich im Notfall-Programm. Was könnten das für Änderungen sein und was werden sie für mich bedeuten? Ich würde gerne in Ruhe darüber nachdenken, aber um mich herum turnen noch meine aufgekratzten Kinder in ihrem „endlich Ferien“ Modus. Normalerweise ein heiterer Tag, an dem eine Last abfällt. In den letzten Jahren gab es statt Mittagessen einen großen Familienbecher in der Eisdiele und einen Besuch im Freibad. In diesen Jahr nicht so einfach möglich. Stattdessen haben wir Brownies gebacken, aber ich war nur halb bei der Sache und grübelte, während die Schokolade schmolz und wir die Zutaten vermengten...
Was wird da am Montag beim Treffen im Büro verkündet? Wird die Firma komplett geschlossen? Eher nicht! Wird unsere Arbeitszeit weiter reduziert? Möglicherweise! Werden komplette Programmbereiche eingestellt? Sehr wahrscheinlich! Wird es weitere Kündigungen geben? Da bin ich mir leider sicher! Und wen wird es treffen? Nur den Kundenservice oder auch andere Bereiche? Meiner Meinung nach auch andere – Buchhaltung, Marketing, IT oder vielleicht sogar auch in der Führungsebene. Allein die Vorstellung ist ganz schön gruselig!

Möglicherweise weg?!

Die Gedanken kreisen weiter, erst im Januar bin ich für die Firma nach Australien geflogen. Da war Corona noch weit entfernt irgendwo in China und ich hätte im Traum nicht daran gedacht, dass ich mir nur fünf Monate später ernsthafte Sorgen um meinen Job machen werde und einige Partnerorganisationen bereits aufgegeben haben. Gut laufende Unternehmen - einfach so weg!

Beruhigend für mich ist, dass ich viele Sozialpunkte mitbringe: ich gehöre zu den ältesten Mitarbeiterinnen im Kundenservice, bin mit am längsten in der Firma beschäftigt und habe zwei Kinder. Aber auch das gibt keine dauerhafte Sicherheit, zumal mein Bleiben bedeutet, dass sehr liebgewonnene KollegInnen die Firma verlassen müssen. Wie schon vor ein paar Wochen beschrieben, ist gerade die Harmonie im Team und auch die Freundschaft über die Arbeit hinaus etwas, was uns verbindet. Nicht auszudenken, wenn nun einige davon gehen müssten.
Sollte ich nach einem neuen Job Ausschau halten? Mein Verstand sagt spontan ja, aber dann, wenn ich weiter darüber nachdenke: ich bin 45 Jahre alt, habe „nur“ eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau, mein Mann ist selbstständig. Da gibt man einen Arbeitsplatz, den man seit 17,5 Jahren hat und gerne mag, nicht einfach so auf. Zumal auf dem Arbeitsmarkt aktuell keine Alternativen angeboten werden.
Das ist alles einfach so traurig und ich fürchte, es wird weiterhin wohl noch einiges zum Grübeln geben...

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Kathryn Voigt
45 Jahre alt, verheiratet, zwei Töchter, vier Hühner, Reiseverkehrskauffrau und ziemlich neu bei der na dann…
kathryn@nadann.de

Autor: Kathryn Voigt

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