Keine Verbindung

Rückblick-Ausblick?
Keine Verbindung

(„Früher war mehr Lametta V ???)

Mit dem Auto unterwegs, privat oder geschäftlich, und dann nicht erreichbar zu sein – oder nicht eben mal jemand anrufen zu können, unvorstellbar für uns heute. Das war nicht immer so, Leute. Lest mal, wie es „früher“ war, so vor 50 Jahren etwa…
Es war einer der Vorfälle in meinem geschäftlichen Dasein, wo es angezeigt war, sich selber einzusetzen. Der Großkunde hatte ein Angebot aus Preisgründen abgelehnt. Ich überlegte eine grundlegend veränderte Kalkulationsweise. Sie erhöhte unseren Gewinn, wenn bestimmte Voraussetzungen eintrafen – und reduzierte gleichzeitig die Angebotspreise. Leider stand noch kein Excel zur Verfügung, für die Listenkonstruktion brauchte ich ein paar Stunden. Nun musste mit dem Kunden verhandelt werden. Termin im Kölner Raum verabredet, Montag 10 Uhr. Ich stieg in mein Auto 3 Stunden zuvor. Neben mir die Unterlagen auf dem Beifahrersitz, dazu der aufgeschlagene Shell-Straßenatlas „Deutschland mit 25 Stadtplänen (einschl. DDR)".

Mittags am Rhein bei Duisburg, Smog

Hinter dem Kamener Kreuz dauerte es damals auf der A 1 oder 2 nicht lange, und die Sonne verschwand hinter einem Vorhang aus Dunst, es begann unangenehm nach Chemie, Stahlkocherei und Steinkohlenqualm zu riechen, manchmal färbte sich das graue Luftgemisch rosa oder orange, wenn irgendwo in der Nähe ein Abstich vorgenommen wurde. Mit kurzen Unterbrechungen reichte der Smog bis nach Leverkusen, in Köln war der Himmel wieder blau.

Hinter dem Kamener Kreuz dauerte es damals auf der A 1 oder 2 nicht lange, und die Sonne verschwand hinter einem Vorhang aus Dunst, es begann unangenehm nach Chemie, Stahlkocherei und Steinkohlenqualm zu riechen, manchmal färbte sich das graue Luftgemisch rosa oder orange, wenn irgendwo in der Nähe ein Abstich vorgenommen wurde. Mit kurzen Unterbrechungen reichte der Smog bis nach Leverkusen, in Köln war der Himmel wieder blau.
Pünktlich meldete ich mich am Ziel beim Empfang, innerlich noch einmal schnell alle Argumente abspulend. Die Empfangsdame lauschte in den Telefonhörer und sprach sodann zu mir: „Das tut mir aber leid, Herr T. musste heute Morgen ganz schnell aus dem Haus, Ihre Sekretärin wurde doch sofort angerufen“. Enttäuscht suchte ich eine öffentliche Telefonzelle und rief in der Firma an. Ja, wurde mir bestätigt, Absage kam kurz nach 8 Uhr. Da war ich schon weg. Ich möchte bitte meine Frau anrufen.. .Von ihr erfuhr ich, dass sie mir nur sagen wollte, meine Sekretärin habe Bescheid gesagt, dass der Termin…
500 Kilometer umsonst gefahren. Ärgerlich, aber nicht so selten. Ein Autotelefon kostete 27 tausend Mark und im Bereich der Bundespost waren 11tausend Anschlüsse die technisch machbare Obergrenze. Also musste es noch „ohne Verbindung“ gehen.

Plan der Raststätte Pfefferhöhe, noch „Alsfeld“ genannt, typische Grafik der Zeit

„Verschollen“ blieb man auch für seine Familie an Reisetagen, zumal, wenn unvorhergesehene Verzögerungen eintraten. Einst kam ich aus Nürnberg im Spätherbst, die Besprechung hatte bis gegen 15 Uhr gedauert. Gegen 22 Uhr hoffte ich zu Hause zu sein, die Autobahnen waren wenig befahren abends. Ich sagte also noch vom Konferenzort den voraussichtlichen Ankunftstermin durch und ab ging’s, trotz beginnender Dunkelheit schnurrte ich zügig bis zur neu erbauten Raststätte Pfefferhöhe durch, späte Kaffeepause.

Die Telefonzellen waren gelb!

Ab Kassel Bundesstraße 7. A 44 noch im Bau. In Lichtenau macht die Straße eine enge Kurve um das schon zur Ruhe gegangene Ortszentrum, aber dort leuchtet eine einsame Telefonzelle, wie so oft mein „Leuchtturm in der Nacht“. Kleine Pause, ein oder zwei Stückchen SchokoCola gegessen, noch einmal Anruf zu Hause. „Ich bin in ungefähr 2 Stunden da!“ wenige Minuten später begann Nebel durch die Täler zu wabern, legte sich über die Fahrbahn. Überholen der langsam brummenden Lastzüge auf der schmalen B 68 mit ihrem ständigen Auf und Ab unmöglich. Eine Stunde für 30 Kilometer. Endlich Paderborn. Telefonieren von einer Tankstelle. Jetzt dauert es aber wirklich nur noch eine gute Stunde, bis ich den Schlüssel in der Garage abziehe. Mitternacht vorbei. Glücklich zu Hause.

viel Platz und viel Gewicht für die ersten Funktelefone

Dann kam der Piepser. Anzuwählen mit einer Telefonnummer. Er piepste, nicht viel größer als eine kleine Stabtaschenlampe, ein winziges Lämpchen blinkte. Interaktion nicht möglich, aber, immerhin, er reichte längs der Autobahnen bis nach Flensburg oder Garmisch. Hilfreich? Nicht eigentlich. Jetzt piepst es nun, das Ding, ich bin gut in der Zeit, werde pünktlich am Ziel sein, was jetzt? Ist es gerechtfertigt, an der nächsten Tankstelle oder Raststätte anzuhalten, die – damals – noch recht weit auseinander liegen - , sollte ich besser abfahren in die nächste Ortschaft oder kann der Kontakt noch warten?

die Technik sitzt im Kofferraum

Ach, was war das für ein Glück, als in den Siebzigern die ersten erschwinglichen (?) Autotelefone auf den Markt kamen. Mit Montage in der Fachwerkstatt immerhin 5000 Mark. In dem Kofferraum ruhte nun ein Funkgerät, koffergroß, die Radioantenne wurde verlängert. Endlich! Jetzt war Verbindung jederzeit möglich, Reisen und Termine leichter abstimmbar, der Außendienst ersparte sich unnötige Wege und wurde flexibler und damit effizienter. Leider, leider, verlassen konnte man sich auf stabile Verbindungen nicht. Viel zu wenig Funkmasten. Gespräche brachen ab oder es donnerte im Hörer auch ohne Gewitter oder es kam überhaupt kein Kontakt zustande. Dann hieß es, Rastplatz aufsuchen, Auto samt Antenne so drehen, dass die Kontaktkontrolle aufleuchtete, außerdem hatte jeder der 158 Funkbereiche eine eigene Vorwahl – trotzdem, mit dem B-Netz war der Anfang gemacht.

Eine Weile blieb das Telefonieren über Funk noch ans Auto gebunden oder man schleppte den Funkkoffer mit ins Ferienquartier oder Hotel, aber eines Tages koppelte es sich ab, wurde handlich und frei beweglich, das private „Handy“ war da – und mit ihm die Jederzeit-Verfügbarkeit, die permanente Verbindung zwischen hier und dort. Seit 30 Jahren nutze ich es auch, und wenn ich mal richtig wütend bin, weil mich unerwünschte Anrufe zu unerwünschten Zeiten an ungeeignetsten Orten erreichen (ich weiß, man kann es vibrieren lassen oder abschalten, aber vielleicht war es ein wichtiger Anruf?), dann erinnere ich mich vergangener Zeiten, wo ich mir so sehnlichst wünschte, was ich jetzt habe.
Ich denke, in der Rückschau wird deutlich, nicht jede technische Entwicklung der letzten Jahrzehnte war so hilfreich für unseren Alltag wie diese, findet Ihr nicht auch?

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Volker Hentig
Volker Hentig ist 90 Jahre alt und wohnt mit seiner Frau in Bielefeld. Beruflich war er Unternehmer.

Autor: Volker Hentig

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