Zwischenbilanz

Was als waghalsiges Experiment gestartet ist, entpuppt sich als Segen.

Es ist Donnerstag Nachmittag. Ich arbeite Teilzeit für die na dann… von Bocholt aus und habe meinen Alltag als Alleinerziehende sehr gut strukturiert und organisiert. Home Office zu machen ist für mich somit nichts neues und planen (und dann flexibel umplanen) bin ich gewohnt.

Normalerweise sitze ich in meinem Home Office und layoute den „Veranstaltungskalender“ und „Demnächst“ der na dann …, was ich im wöchentlichen Wechsel mit Uli mache.

Normalerweise sind meine drei Mädchen (10, Zwillinge 9) nach der Schule bei meiner Mutter und werden von ihr betreut.

Normalerweise höre ich Musik, arbeite mit voller Konzentration und der Gewissheit, dass die Mädels abends satt und mit gemachten Hausaufgaben zurückkommen.

Normalerweise habe ich diese Woche mehrfach meine Kinder zu Verabredungen und Hobbies gefahren und habe so wenigstens ab und an und kurz das Haus verlassen und mit anderen Erwachsenen gequatscht.

Normalerweise … Seit letztem Freitag ist nichts mehr normal.

Mit der Ankündigung, dass die Schulen geschlossen werden, fing auch für mich eine ungewisse Zeit an. Über das Wochenende hinweg prasselten Infos und Lehrpläne für die Mädchen ein. Die Große geht in der 5. Klasse zum Gymnasium, die Zwillinge sind in der 4. und somit kurz vor dem Wechsel. Verabredungen, Freizeitaktivitäten und Hobbies - alles auf Null gefahren.

Mit der Ankündigung, dass die Schulen geschlossen werden, fing auch für mich eine ungewisse Zeit an. Über das Wochenende hinweg prasselten Infos und Lehrpläne für die Mädchen ein. Die Große geht in der 5. Klasse zum Gymnasium, die Zwillinge sind in der 4. und somit kurz vor dem Wechsel. Verabredungen, Freizeitaktivitäten und Hobbies - alles auf Null gefahren.

Nach fünf Tagen schulfreiem Lernen Zuhause mit den Kindern, der Vorgabe Zuhause zu bleiben und meinem Arbeitsalltag, komme ich zu folgender, früher Zwischenbilanz:

Meine Kinder schlagen sich sehr, sehr wacker. Wir verbringen eine sehr intensive Zeit Zuhause und sie teilen sich ihre Lernzeiten selbst ein, abends haben die Sachen fertig zu sein. Was als waghalsiges Experiment gestartet ist, entpuppt sich als Segen.

Alle drei lernen und lesen eifrig nach ihren eigenen Bedürfnissen, ohne dass ich sie dazu anhalten muss. Die freie Zeiteinteilung und Wahl des Faches kommen ihnen zugute und sie sind sehr lernbegierig. Ich bin sehr kritisch, was Handy- und sonstige Mediennutzung angeht. Die eine Stunde Bildschirmzeit der Handys habe ich nicht verlängert, heute allerdings erstmalig den Fernseher als Freizeitbeschäftigung benutzt, da ich Kunden der na dann … anrufen musste. Die Mädels halten ab und an Kontakt zu Freunden via WhatsApp, ansonsten sind wir auf uns vier beschränkt. Diese fehlenden Sozialkontakte nach außen tuen uns als Familiengefüge sehr gut und wir genießen die Ruhe miteinander.

Die Aufgabenverteilung hier Zuhause hat sich auch geändert. Das „Hotel Mama“ hat ab sofort geschlossen, die Kinder müssen mir mehr helfen als sonst und ich habe eine rumliegende Socke der Kinder als Geschenk angesehen. Frei nach Harry Potter: Free Dobby, free Mummy!

Da ich ja eh im Home Office arbeite, bin ich es gewohnt sehr viel Zeit Zuhause zu verbringen und nicht viele Mitmenschen zu sehen. Die modernen Medien ermöglichen mir meine finanzielle Existenz. In dieser besonderen Situation stellen sie meinen ausschließlichen Kontakt zur Außenwelt und zu Erwachsenen dar. Kontakt zu meiner Familie, meinen Freunden. Wenigstens dieser Kontakt lässt mich momentan eine gewisse Nähe spüren und diese zu spüren tut mir sehr gut. Ich genieße jede Nachricht!

Meine Arbeit dreht sich an diesem Tag nicht um das Layout des Veranstaltungskalenders, sondern darum, bestehende Kleinanzeigen in der Rubrik „Kurse / Workshop“ pausieren zu lassen. Ein beklemmendes Gefühl, da sich das öffentliche Leben komplett verändert. Es muss ruhen, damit sich die Kurve abflacht und wir einander schützen.

Jeder Tag ist ein Spagat daraus, den Kindern die Zeit so lehrreich, wertvoll und angenehm wie möglich zu bereiten und nebenbei all meine Pflichten nicht zu vergessen. Konnte ich sonst während der Schulzeit arbeiten und auf die Hilfe meiner Mutter am Nachmittag zählen, fallen diese ruhigen Arbeitszeiten und Verschnaufpausen nun weg. Bei drei vorpubertierenden Mädchen mit sehr geringem Altersabstand fühlt es sich manchmal an wie eine Wildtierzähmung und ein Flohzirkus zugleich. Montag und Dienstag kam uns die neue, ungewohnte Situation, das herrliche Wetter und meine freie Zeit zu Gute. Wir haben den Garten frühlingsklar gemacht und zu viert Runden durch den naheliegenden Wald gedreht. Den nötigen Abstand zu anderen Menschen, die uns vereinzelt entgegen kamen, haben wir eingehalten. Ansonsten sind wir Zuhause, im Haus und Garten, und versuchen das Beste aus der Situation zu machen. Mit sehr gemischten Gefühlen blicke ich auf das übernächste Wochenende. Die Mädels werden zu ihrem Vater gehen und ich habe kinderfreie Zeit. Auf der einen Seite freue ich mich, dass ich mich zwei Tage lang um rein gar nichts kümmern muss. Auf der anderen Seite habe ich ein wenig Angst vor dem Alleinsein.

Die letzten Tage haben mich sehr nachdenklich gemacht. Auch wenn meine kleine Welt sich momentan auf das Haus, die Kinder, die Arbeit und den Alltag Zuhause dreht, gehen mir die Berichte um Existenzängste sehr nahe. Auch ich habe sie, wenngleich sie glücklicherweise momentan milde ausfallen. Ich nehme einen Tag nach dem anderen. Ich bin sehr froh, dass wir und alle, die mir nahe stehen gesund sind und wir aufeinander aufpassen. - Brit

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Archivtexte Corona Corner

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