DELICTE STEVE/ YVES JARVIS/ HAND HABITS/ BENNY SINGS/ FLORIAN DOHRMANN/ DOMINIC MILLER

Wenn alle so viel zu sagen oder zu singen haben, dass es bei jedem Track schon nach 10 Sekunden los geht und bis zum Ende nicht aufhört, so dass nicht einmal Platz ist für eine Atempause, kann m/f sich über eine spannende, schräge Instrumental-Platte wirklich freuen. DELICATE STEVE ist kein Neuling und auch nicht mehr ganz jung. Er spielt Gitarre, allerdings sehr anders, als die Big Names der Branche. Sein Spiel lebt vom Sound, der Verfremdung, dem Erwartungen nicht erfüllen. Den elektronischen Background besorgt er dabei ebenfalls selbst, auf alt klingenden Drum-Machines und mit Synthies, die mit dem ‚Black Hit from Space‘ (Human League) mehr gemeinsam haben, als mit den Computer-generierten Sounds der Jetzt-Zeit. Trotzdem kriegt er Songs auf die Reihe, deren Melodie-Linien und Riffs auf „Till I burn up“ auch lange nach dem Ende der CD noch in den grauen Zellen widerhallen.

Ganz im Alleingang

Noch ein Ganz-allein-Gänger. YVES JARVIS ist sein neuer Name (vorher war er Un blonde). Sein „The Same but with different Means“ lebt von seiner Experimentierfreude. Auf 22(!) Tracks von ein paar Sekunden bis zu 8 Minuten Länge mischt er sanften Folk-Noir, dezenten R’n’B, meist flüsternden Gesang, Samples und Geräusche zu seiner sehr persönlichen Aussage zur Zeit. Konventionelle Instrumentierung gibt es in kurzen Phasen ebenso, wie Klangparallelen zum Mitt 60er Dylan. Diese Musik muss jede/r für sich entschlüsseln.

Viel leichter zugänglich ist da der „Placeholder“ von HAND HABITS. Folk Singer-/Songwriter Klänge in der Tradition des frühen (akustischen) Neil Young. Hand Habits ist die Band von Sängerin Meg Duffy, die mit hoher, klarer Stimme das Geschehen dominiert. Songs mit Texten aus dem realen eigenen Erlebnisbereich in unaufgeregten Arrangements für eine gezielt sparsam und effektiv überwiegend akustisch aufspielende Band.

Die Niederlande sind ein paar Kilometer näher an Amerika als wir. Das kann, wer will, auch an der dort populären Musik feststellen. So wundert es nicht, dass „City Pop“, das neue Album von BENNY SINGS auf dem US Soul und Hip Hop Label Stones Throw erscheint. Sein Mix aus R’n’B und Pop auf aus Hip Hop abgeleiteten Rhythmen begeistert im Nachbarland schon lange. Mit einem kleinen Schuss Retro-Gefühl, Eingängigen, klar strukturierten Songs und illustren Gästen (Mocky, Mayer Hawthorne…) in der Hinterhand sollte das mit der Popularität doch auch bei uns gelingen können.

Inspiriert umgesetztes Wiederhören

‚Ohne seinen aus den unterschiedlichsten Kulturen schöpfenden Impressionismus wäre die pianistische Tonsprache eines Bill Evans schwer vorstellbar. Debussys Kompositionen im Jazz-Kontext zu verarbeiten, erscheint somit als folgerichtige Entwicklung‘ (Zitat). Das hat sich FLORIAN DOHRMANN, langjähriger Bassist des David Orlowsky Trios, zu Herzen genommen. Mit seinem aktuellen Quartett aus Joachim Staudt (Alt-Sax/Bassklarinette), Christoph Neuhaus (Git) und Lars Binder (Dr) greift er Motive und Harmonien aus Debussys Schaffen auf und lässt sie mit seinen exzellenten Mitstreitern in einem neuen Kontext leuchten. Ohne Hektik, ganz dem organischen Fluss der Akkorde folgend und fein aufeinander abgestimmt improvisieren diese Vier, als hätte der Komponist auch schon diese Aufführungsvariante seiner Werke mit bedacht. „New Impressions of Debussy“ wurde im Tonstudio Bauer in Ludwigsburg perfekt aufgenommen. Das freut nicht nur den Röhrenverstärker.

Jazz not Jazz vom Könner

In diesen Tagen veröffentlicht DOMINIC MILLER seine 2. CD für ECM. Nach ‚Silent Light‘ in Solo oder Duo Arrangements spielt er auf „Absinthe“ im Quintett. Klassische 4er Besetzung (Git/Bass/Keys/Dr), dazu ein auffällig guter Bandoneon-Spieler. Diese Combo erzählt Geschichten ohne Worte, mit unterschiedlichsten Gitarren, gelegentlich ungewöhnlichen Keyboard-Klängen, rhythmisch gut austariert und besonders im Zweiklang von Saiten und Bandoneon absolut faszinierend. Ruhig und bedacht, den Klang der Töne auskostend, musizieren sie, wie in einem eigenen Universum. Ansteckend entspannend.

Autor: Günter

Archivtexte Ohrenschmauch