DIGGER BARNES/ LYA/ McINTOSH COUNTY SHOUTERS/ DR. WILL/ JOHNNY FLYNN/ DANIEL BRANDT/ RENAUD GARCIA-FONS/ RAUL MIDON

Ausgewandert aus OS?

Das werde ich nicht frech behaupten, aber bislang habe ich DIGGER BARNES (nicht den aus Dallas..) nach Osnabrück (früher & the Fear of Winning) verortet. Jetzt hat er sich scheinbar erstens stark beruhigt und zweitens nach Hamburg umgesiedelt. Die 10 Songs seines „Next Exit 27“ strahlen eine grosse Ruhe aus. Geführt von ihm selbst an Gitarre oder Banjo (!) und Gesang bleiben auch die wenigen Mitstreiter sehr diszipliniert. Einige Instrumente (French Horn, Vibraphon, Mellotron) finden sich in so typischer Americana allerdings eher selten. Harmonisch nicht wirklich kompliziert, dafür effektiv raffiniert. Eine Spur Country, leicht hymnische Refrains, da kann einem schon mal der Herr Cohen ins Gedächtnis kommen.

LYA’s „Detalles de Guarde“ kann man auf den ersten Blick(!?) als gekonnt arrangierte und sehr gut produzierte Latin-Pop CD abtun. Was sie vom Gros der entsprechenden Konkurrenz abhebt, sind die zwischendurch immer wieder auftauchenden spanischen Momente. Ein wenig Flamenco in die flotten Radio-Beats, den Tonfall der Stimme gelegentlich in die Tradition gleiten lassen und die Kastanetten (schreiben die sich so?) nicht vergessen.
Von einer Tradition zur nächsten. Die McINTOSH COUNTY SHOUTERS präsentieren auf „Spirituals and Shout Songs from the Georgia Coast“ genau das, was der Titel beschreibt. 5 Frauen und 3 Männer im Wechsel-Gesang, Vorsänger-Wiederholer und umgekehrt. Sehr ursprünglich, nur von Perkussion begleitet und natürlich verlegt bei SMITHSONIAN FOLKWAYS, mit dem dicken, dazugehörigen Booklet über Ursprung, Sinn und Geschichte dieser Art der musikalischen Betätigung. Kulturgut!
Ein weiteres Münchner, zumindest süddeutsches Original, ist Dr. WILL. Und er gibt sich redlich Mühe, seine Blues-basierte Mischung auf „Addicted to Trouble“ auch entsprechend klingen zu lassen. Sicher orientiert an der New Orleans Variante, die auch wir an Willy DeVille sehr schätzen. Mit kleiner Combo umgesetzt, die ein paar feine handwerkliche Überraschungen bereit hält.
Eine ganz andere Art Songs zu schreiben legt JOHNNY FLYNN an den Tag. Zwar auch nur eine kleine Band am Start, aber Blues höre ich hier nicht als Basis. Eher die Liederschmiede der britischen früh 70er. Manchmal mit einem fast poppigen Refrain versehen, mal klingt eine Melodie nach Folk-Tradition. Aber immer ziemlich individuell und sehr persönlich. Nicht einfach nur schmissige Unterhaltung wie ED S., mit „Sillion“ will er den Hörern etwas über den Zustand der Welt und der Beziehungen untereinander vermitteln. Ohne Zeigefinger, mit ganz viel Wärme und Respekt.
Eigentlich tätig im Trio Brandt Bauer Frick und dort gerade erst mit einem Album fertig kommt hier das Solo-Werk von DANIEL BRANDT. „Eternal Something“ ist ein kleiner elektro-akustischer Trip, der sich aus einem nicht deutlich definierten Anfang über Muster, die auch als Club-Musik funktionieren würden, allerlei ungewohnte Klänge und Instrumente (natürlich dabei Manu Delago mit seinem Hang) doch langsam, aber beständig und immer positiver in die Gehörgänge fräst. Ungewohnt, aber sehr hörbar.

Wandert zwischen Welten

Letztes Mal im Duo mit Piano, jetzt im Trio mit Akkordeon und Vibraphon, RENAUD GARCIA-FONS bleibt ein rastloser Wanderer zwischen den Klangwelten. Sie musizieren Jazz, der aber oft klingt wie angewandte Folk-Tradition aus dem eher südlichen Mittelmeer-Raum. Rhythmisch zwischen abstrakt und Volkslied, handwerklich exzellent und wegen der ausschliesslich akustischen Instrumente auch klanglich ein Hochgenuss.

Soul-Jazz, aus Tradition modern

Nicht ganz so verschmust, wie der späte George Benson, nicht ganz so schlaksig, wie Johnny Guitar Watson, aber ein ausgezeichneter Gitarrist und Sänger mit ganz viel Soul und einem leichten Hang zum Jazz. So präsentiert sich RAUL MIDON auf seinem bereits 9. Album „Bad Ass and Blind“. Mit kompakter Besetzung und ohne jeden Bombast bietet er 10 groovige Eigenkompositionen plus eine gelungene Adaption von ‚Fly like an Eagle‘. Humor hat er offensichtlich auch..

Autor: Günter

Archivtexte Ohrenschmauch