JOHANNA SCHNEIDER/ CHRISTOPHER PAUL STELLING/ MATTHIAS KADEN/ The SELECTER/ NAPPY/ BANDA SENDEROS

Jazz Gesang lebt!

Ein bisschen Münster ist sie auch. JOHANNA SCHNEIDER, Schülerin von ROMY CAMERUN, legt mit „Pridetime“ ihre 1. CD vor. Jazz-Gesang in oder aus der Tradition heraus, ohne das auf die Charts oder den Massengeschmack zielende Auge. Mit dem lange auf sie eingespielten Trio aus Bass, Drums und Tasten im Rücken scattet sie gleich zu Beginn dynamisch los. Nur keine falschen Hoffnungen wecken. Hier swingt es, gibt es Balladen und wirklich jazzige Improvisationen. Der Pop-Faktor ist minimal, und trotzdem, vielleicht gerade deswegen, lässt sich die Platte, auch für nicht Jazz-Freaks, ohne Anstrengung durchhören. Ein paar Standards, nicht die, die m/f immer hört(!) zwischen die gelungenen eigenen Werke gemischt und dazu die sehr wandlungsfähige Stimme, die jedem Song seinen individuellen Schliff gibt. Da wundert es nicht, dass die CD als Nr. 58 für die renommierte ‚JAZZthing-Next Generation‘ -Reihe ausgesucht wurde.

...und ab geht die Party

Vergleichbar individuell, aber auf einem ganz anderen Sektor, klingt die Musik von CHRISTOPHER PAUL STELLING. Singer / Songwriter, fast ganz im Alleingang, mit sehr ungewöhnlicher Spieltechnik und ebenso eigenwilliger Stimme. Er hat was zu sagen (singen!) und er hat wenig Zeit. Entsprechend kommt er sowohl musikalisch als auch textlich ganz geradlinig zur Sache. Nicht schön und rund produziert, sondern, wie schon einige Male hier erwähnt, absichtlich etwas unpoliert, wie es dem Sound der Marke ‚ANTI‘ entspricht.
Und noch mal einer allein. Allerdings mit Gästen. MATTHIAS KADEN, DJ und Produzent von und für House Music. In seiner sehr speziellen Variante. Ganz in der Tradition des Sounds, der uns in den 80ern süchtig machte. Analoge Synthies, sparsamer Einsatz aller Mittel, aber auch mal ein ‚echtes‘ Piano und ein richtiger Bass. Dazu vor, zwischen und auf einigen Titeln Spoken Word Einlagen von ihm geschätzter KollegInnen und erkennbare Vorlieben für funky Beats und kernige Bass-Figuren; eben „Energetic“!

Karibische Soul Music!?

Überraschend aus der Versenkung aufgetaucht: The SELECTER, ehemals Flaggschiff, Motor oder was auch immer der TwoTone / Ska - Welle aus dem UK. Tatsächlich ein richtig neues Album. Wie früher, nur besser. Die Beats nicht ganz so hektisch, die Bläserriffs feiner ausgearbeitet und unglaublich rund im Sound. Ob PAULINE ist, die da singt, weiss ich nicht, aber auch die 2015er Sängerin weiss, worum es geht und ist stimmlich gut dabei. „Subculture“ ist immer dann ganz super, wenn die Combo einen Gang herunterschaltet und sich flottem Roots - Tempo nähert. Macht mir mehr Spass, als ich erwartet habe.
NAPPY „Music Man“. Nie gehört? Ich auch nicht. Aber dieser RICHARD ‚NAPPY‘ MAYERS war in den 70ern ein begnadeter Musiker, Komponist und Arrangeur karibischer Pop Musik. Gemixt aus dem heimischen Soca und allerlei Einflüssen aus Soul, Funk, Pop und nicht zuletzt Disco. Mit seiner Band EMBRYO (nicht die deutschen Weltenbummler) war er vor Ort sogar ein ziemlicher Star. Viel zu früh (1981) gestorben, finden sich auf der Kompilation „Music Man“ 19 seiner interessantesten Produktionen, mit eben genannter Combo, unter eigenem Namen oder mit der von ihm produzierten Sängerin NADIE LA FOND. Lebensfrohe Musik, erstaunlich ‚fette‘ Produktion und unbedingt tanzbare Rhythmen, da frage ich mich, wieso gab es diese Musik hier nicht, als sie neu war?

Und zum Schluss noch einmal Heimisches. Aus dem Schmelztiegel Ruhrgebiet stammt die BANDA SENDEROS. In Multi-Kulti Besetzung feiern sie auf „Mobulu“ das Leben, mischen Einflüsse aus Südamerika mit dem Balkan, etwas Spanien, Cumbia; Reggae / Ska-Anklängen, schütteln das ganze einmal ordentlich durch, singen darüber mit mindestens 2 verschiedenen Stimmen in 3 (oder waren es mehr?) Sprachen und feuern 11 ordentliche Party-Geschosse auf uns ab. Wer von dieser Musik nicht in Bewegung gesetzt wird, ist definitiv bereits tot.
na dann... Tschüß!
i.m.trend@muenster.de

Reinhören & Verlieben
samstags von 11-15.00 Uhr:
Günter’s MUSIK-aPOTHEKE
Breite Gasse 1

Autor: Günter

Archivtexte Ohrenschmauch

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