EPHEMERALS/ LORD ECHO/ CLARK/ CARMEN SOUZA/ LES DISCRETS/ DON ANTONIO TOM SCHILLING & THE JAZZ KIDS/ HENNING WEHLAND

Experimentierfreudiger Indie-Soul

Den Konzerthinweis gab es letzte Woche, jetzt den Text zur CD. Unglaublich vielseitig und mindestens genau so Musik verliebt sind die EPHEMERALS, die ihr aktuelles Werk im Gleis vorstellten. Soul durchzieht das Album als wohl wichtigste Ingredienz, aber ungewöhnliche Instrumentierungen, Melodieverläufe und rhythmische Wendungen lassen das erst auf den 2. Blick erkennen. „Egg Tooth“ ist eine abwechslungsreiche Reise durch die musikalischen Welten der Briten, die weder vor Spoken Word Konstruktionen noch vor Jazz oder afrikanischen Einflüssen Halt machen. Aus der Tradition in einen neuen Kontext.

Wer neugierig ist, wie sich Musik anhört, die sich zwischen den Polen Lee Perry und Fat Freddy’s Drop bewegt, der oder die sollte sich „Harmonies“, das neue Werk von LORD ECHO, anhören. Von tiefstem Roots Reggae zu Jams, wie sie uns die anderen Neuseeländer um die Ohren gepfeffert haben. Es soll ja jetzt klappen mit der Sonne, hier ist schon mal erstklassige Outdoor Musik.

Eindeutig zu schwierig und sperrig für mich ist die neue CD von CLARK, dem in Berlin lebenden Engländer, auf dem Label Warp. Zwischen getriebenen Technobeats und teils wüsten Klangkaskaden, mit viel Phantasie umgesetzten Sound Ideen und eckigen Rhythmen müssen meine grauen Zellen passen. Sehr intelligent, eher intellektuell.

Kap Verdisch mit Jazz

CARMEN SOUZA setzt mit Partner Theo Pascal den auf dem letzten Album eingeschlagenen Weg fort. Die Kap Verdische Heimat erkennt m/f leicht an den Harmonien, aber rhythmisch und in der Instrumentierung wagen die beiden plus Perkussionist Elias Kacomanolis neue Modelle. Da fliesst schon mal ein Reggae Beat oder etwas Brasilien ein, etwas Horace Silver und Afrika winkt übers Meer. Zusammen mit ihrem ungewöhnlichen Stimmeinsatz gibt das eine sehr frische Variante „Creology“.

Gitarrenbands kommen hier ja nicht so oft vor, aber die LES DISCRETS muss ich doch mal erwähnen. Deren letztes Album liegt 5 Jahre zurück und ist unerkannt an mir vorbei gekommen. Nach dem etwas psychedelischen Opener geht es auf „Predateurs“ in 9 weiteren Tracks durch meist melancholische Gefilde, die durch ihre eher defensive Produktion die Vorstellungskraft der Hörer beflügeln sollen, dabei rhythmisch durchaus variabel und musikalisch schon mal etwas komplexer daherkommen.

Vielseitiger Italiener

Variabel in Stil und Ergebnis ist auch das erste Solo Album von DON ANTONIO. Hat keinen Titel, aber alles, was eine echte ‚Late Night Platte‘ braucht. Beginnt wie Tito und seine Taranteln in Zeitlupe, danach eine 30er Jahre Jazz Schmonzette und danach ein Calypso für Rollator PilotInnen. Gesang, nur wenn nicht vermeidbar, und dann im Tonfall eines Paolo Conte. Eine lässige Cumbia, ein stilechter alter Rock’n’Roll und bei alledem nicht beliebig oder aufschreckend, weil alles zusammengehalten wird von seiner ganz konkreten Vorstellung, wie ein Song von ihm zu klingen hat, damit er auch zu einem ganz anderen davor und danach passt. Ernst und gekonnt in Handwerk, versehen mit einer feinen Prise Humor.

Nicht in die Irre führen lassen, TOM SCHILLING & THE JAZZ KIDS spielen gewiss keinen Jazz. Vielmehr kann m/f sich die 10 Songs ihres Erstlings irgendwo zwischen Element of Crime und Nick Cave vorstellen. Überwiegend Liebeslieder, nicht die romantischen, wohl eher ‚out of Love‘ Songs. Seine Stimme kommt leider nicht so dominant, wie sie von den Vorgenannten eingesetzt wird. Sound und Konstruktion der Songs sind teils so nahe an den ‚Murder Ballads‘, dass m/f jeden Moment mit dem Auftauchen von Kylie’s Stimme rechnet…

Wenn der Tom sich so geschickt an Nick orientiert, dann darf HENNING WEHLAND (endlich habe ich den Aufhänger ihn hier zu loben!) auch seiner Vorliebe für den Sound von Everlast (unterstelle ich) frönen. Sein „Der letzte an der Bar“ fällt sicher nicht unter den Böhmermann Rundumschlag. Für Henning singen keine Chöre und dass er keine Maschine ist, muss er nicht formulieren. Die Texte sind vom Leben diktiert und entsprechend geradeheraus formuliert. Gibt es seit März, solange höre ich sie schon immer wieder und macht auch weiterhin Spass!

Autor: Günter

Archivtexte Ohrenschmauch

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