EGOPUSHER/ JOON MOON/ CARROUSEL/ TRICKY/ GIRLS IN AIRPORTS/ SON LITTLE/ MUSIC FOR CHILDREN, MUSIC BY CHILDREN

Geige und Schlagzeug sind eine eher ungewöhnliche Konstellation für ein Musik-Projekt. EGOPUSHER geben in dieser seltenen Besetzung ihr erstes ‚volles‘ Album heraus. Mit viel Studio-Technik klingen die beiden manchmal, wie ein ganzes Orchester, werden in der Wahl der Melodien nicht zu abstrakt, bewegen sich nicht zu weit weg von entspannt oder chillig. An einigen Stellen, wie Schiller mit mehr ‚Hintern‘, dann wieder eher pendelnd zwischen OMD und David Garrett. Mit dem wesentlichen Unterschied, dass sie nicht singen und auch nicht die grössten Hits der letzten Jahre mit Orchester nachdudeln, sondern für „Blood Red“ ausschliesslich auf eigenes, fein ausgearbeitetes Material zurückgreifen.

Und noch eine mit wundervollen Melodien, JOON MOON. Zwei Franzosen und eine Amerikanerin, die auf „Moonshine Corner“ eingängige Harmonien und klasse Refrains aus dem Ärmel zu schütteln scheinen. Trippige Beats, viel Soul, garniert mit Pop, auf Basis von Klavier und Drums, mit Gastmusikern und Elektronika wirkt das Dutzend Songs auf mich, wie eine frische Version Coldplay, allerdings ohne jeden Anspruch auf Stadion-Tauglichkeit.

Frankreich zum Zweiten, sehr viel typischer. Das französisch-schweizer Duo CARROUSEL zelebriert auch auf seinem 4. Album den Charme der 60ies. Beide singen, manchmal auch gleichzeitig, die 12 Tracks auf „Filigrane“ können Spuren von Chanson, 80er Jahre Tempo, Folk und Pop enthalten und schaffen es, auch bei norddeutschem Schmuddelwetter das Gefühl zu erzeugen, als stünde der Sommer vor der Tür.

Entspannter den je

TRICKY kommt mit Album Nummer 13 um die Ecke. „Ununiform“ klingt sehr viel aufgeräumter, als diverse Vorgänger. Natürlich (hoffentlich auch weiterhin..) klingt er nicht brav und wie erwartet (uniform), sein Feld von Einflüssen wird eher grösser. Rapper aus Russland unterstützen ihn, seine ex-,wieder- oder immer noch- Freundinnen Martina, Francesca, Asia und andere neue Talente helfen ihm mit Stimmen aus. 13 nicht zu lange Songs in unterschiedlichstem Groove und Instrumentierung und die erkennbar positive Grundstimmung hieven „Ununiform“ für mich unter seine besten 3.

Fast freier Jazz zum Geniessen

Klingen sie auf ihren Studio-Alben ein wenig statisch bis abstrakt, bringen sie ihre Ideen und Fähigkeiten jedoch „Live“ sehr viel leichter hörbar ‘rüber. Die fünf Dänen giessen ihren Block aus nordischem Jazz, etwas Indie-Rock-Gefühl und Klängen, die sie irgendwo auf ihren vielen Reisen eingesammelt haben. Free Jazz, besser, nicht vollständig durchkomponierter Jazz kann, vom Tonträger gehört, anstrengend bis wenig nachvollziehbar sein, für die Mischung der GIRLS IN AIRPORTS trifft das ganz sicher nicht zu. Improvisation führen zu melodiösen Ausflügen, komplexe Rhythmen mutieren zu fusswippenden fast Tanzbeats, selbst das schaurigst klingende Saxophon findet eine Linie, der m/f folgen kann. Kein Pop, trotzdem mit Genuss konsumierbar!

Meine Soul Platte des Jahres

Ohne die Klasse der vorgenannten schmälern zu wollen, das hier ist mein absolutes Highlight: SON LITTLE „New Magic“. Ohne Vorsatz und mit nur minimalem Aufwand liefert Mr. Livingston (sein richtiger Name) für mich die beste Soul-Platte des Jahres. Er begleitet seinen Gesang auf verschiedenen Gitarren, dazu Drums und Perkussion, mal ein Klavier aber ganz viele und unterschiedliche Background-Sänger-Innen. Themen aus dem real existierenden Leben, Harmonien und Rhythmen, die von abgestripptem Phillysound zu Innercity Blues zu sparsamsten Blues-Singer-Sounds führen. Ohne Pathos, ohne Goldkettchen. Musik, als hätte er sie wie ein Schwamm aufgesogen aus diversen Genres, Jahrzehnten, Stimmungen. Heraus kommt keine Kopie von irgendwas, sondern ein echtes Original. Hören!

Für alle, die dem Nachwuchs auf spielerische Weise die englische Sprache vermitteln möchten: „MUSIK FOR CHILDREN, MUSIC BY CHILDREN“ mit, wie immer im Hause Smithsonian Folkways, dickem Booklet mit Erläuterungen zu den 29 Titeln, von denen die ersten 14 z.T. von Koryphäen der Folk-Bewegung (P. Seeger, W. Guthrie..) vorgetragen werden, die anderen 15 sind ‚Field-Recordings‘ (vor Ort Aufnahmen) singender Kinder von der Karibik bis New York City. Ansteckend charmant.

Autor: Günter

Archivtexte Ohrenschmauch

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