FERD/ BLINDSMYTH/ WE OUT HERE/ JULIA BIEL/ NILS FRAHM/ CALEXICO/ MOVEMENTS Vol. 9

Gleich die erste CD dieser Woche ist ein echtes Monster. Im Sinne von Monster-Projekt. 52 Musiker (nicht alle gleichzeitig!) aus 18 Ländern, von Norwegen über Palestina bis Tibet widmen ihr Können der Bearbeitung und Neu-Interpretation traditioneller Lieder und Tänze aus der Setesdal Region in Norwegen. Zum Teil beruhen diese auf mündlicher Überlieferung, wurden den älteren unter den Beteiligten von den alten Meistern noch persönlich beigebracht. Das Besondere an FERD’s „Music without Borders“ ist aber die Einbeziehung von Kollegen aus der ganzen Welt. Da taucht eine asiatisch gefärbte Singstimme neben der Hardanger Fiedel auf, wird der norwegische Gesang um Stimme und Instrumente aus dem Himalaya ergänzt. Gesang in Sprachen (Khmer, Morlum) die mir gar nicht geläufig sind, Instrumente, die ich in dieser Form tonangebend noch nie gehört habe, zu Rhythmen und Tempi, die gut geeignet sind, als ‚House-Remix‘ auf den Tanzböden dieser Welt zu reüssieren. Gelebte Tradition, in Handwerk und Klang auf der Höhe der Zeit im Verbund mit Spielweisen und Auffassungen rund um den Globus. Musik ist eine universelle Sprache! Texte und Erläuterungen liegen auf Englisch bei.

Dagegen wirkt das nächste Modell, obwohl raffiniert und technisch auf dem neuesten Stand, eher bescheiden. Der BLINDSMYTH macht alles selbst. Analoge Instrumente, Drum Sounds und seine eigenen Field-Recordings. Diese Zutaten mischt er zu einem süffigen Cocktail aus langsamem Techno, etwas Space und ganz viel Melodie-Gefühl. Mal pitcht er die Stimme, meist singt er gar nicht, aber wenn, dann verfremdet. „Blind“ ist auf jeden Fall ein ziemlich anderer Wurf elektronischer Musik.

„WE OUT HERE“ ist noch mal was ganz anderes. Leider nur als Download, gibt’s hier 9 Tracks von Künstlern und Projekten des Brownswood Labels. Maisha oder Shabaka Hutchings sind mir bekannt, die anderen 7 sind mir noch kein Begriff. Liefern auch sehr unterschiedliche neue Werke ab, deren Gemeinsamkeit weniger der Brownswood Groove ist, als vielmehr die recht freie Interpretation / Improvisation des Themas auf durchaus rhythmischer Grundlage. Besonders hervorheben möchte ich Track Nr. 9 von Kokoroko, afrikanisches Feeling auf langsam schwebenden Untergrund mit einem ganz feinen Gitarren-Thema veredelt.

12 wundervolle Songs

Wo ich gerade bei langsam bin, das 2. Album von JULIA BIEL ist da. Ihren Gesang hat sie weiter verfeinert und sich für das Album ohne Titel 12 neue, wundervolle Balladen ausgedacht. Sie spielt Piano und Rhythmus-Gitarre, zur kleinen, ausgewählten Mannschaft zählen Bass, Klarinette, Drums, abwechselnd 2 weitere 6-Saiter und Oud. Aber zur Pop-Musik lässt sie sich nach wie vor nicht zählen, zu wenig geradliniger Unterbau, zu viel Billie Holiday Stimmung im Gesang. Wer sie für sich entdeckt, bleibt daran hängen.

Aus dem eigenen Studio

Das gilt auf jeden Fall auch für NILS FRAHM. „All Melody“ hat er sein neues Werk getauft. Zwischen von Harmonium und synthetischen Strings aufgeblasenen Melodien, minimalistischen Rhythmus- oder Klavier-Parts wechselt das Hörerlebnis. Trotz maximaler technischer Möglichkeiten im eigenen Studio ist hier nichts überladen. Die Melodie gibt die Stimmung vor, langsam, getragen oder über einem dezenten Beat. Erhaben, schön, still. Schon früh die erste für den 2018er ‚Giftkoffer‘.

Knaller zum 40. Jubiläum

Die neue CALEXICO gibt’s auch, in 4 Formaten und ist gut. Mehr geht nicht, ich brauche den Platz für das 40. Jubiläum von TRAMP RECORDS und deren ersten Sampler des Jahres, „MOVEMENTS Vol. 9“. Über die lange Zeit haben sich die Damen und Herren offensichtlich sehr gute Quellen und Verbindungen aufgetan, wie sonst sollten sie auch für diese CD/2LP weitere 18 Tracks aufgetrieben haben, die bis auf 1 noch nie irgendwo anders neu erschienen sind. Eine gute Stunde Perlen aus Soul und Funk der 60ies und 70ies, die das Ohr lang und das Tanzbein hibbelig machen. Und zur Erstauflage der Doppel LP gibt’s noch eine Single oben drauf. Von Luft und Liebe kann auch dieses Label nicht leben, wer also auch in Zukunft solchen Stoff will, sollte hier nicht zögern!

Autor: Günter

Archivtexte Ohrenschmauch

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