MÜNSTER MUSIC DAYS/ MARTIN TINGVALL/ JAMES HUNTER SIX/ SHRED KELLY/ CHRIS SMITHER/ BRANCO GALOIC & FRANCISCO CORDOVIL/ POLICA & STARGAZE

Der Countdown ist angezählt, noch 4 Wochen bis zu den nächsten MÜNSTER MUSIC DAYS in der Konzerthalle CLOUD auf dem Germania Campus. Den Auftakt am 15. März macht der Pianist MARTIN TINGVALL, der mit seinem Trio bereits eines der ersten Konzerte an diesem Ort spielte. Im Alleingang entfaltet sich seine Vorliebe für die Verarbeitung folkloristischer Motive in freier Gestaltung aus exzellentem Handwerk, dem feinen Gespür für Harmonie-Verläufe und Improvisationskunst. Mehr Info im Netz, Karten unter www.muenster-ticket.de.

Kurz und schmerzlos: Nur knapp eine halbe Stunde Musik findet sich auf der neuen CD/LP der JAMES HUNTER SIX. Wobei die ‚Six‘ leicht geschwindelt ist, denn hier spielt hinter dem britischen Sänger nicht seine übliche Backup Band, sondern die Hausband der Daptone Studios, die ich hinter Sharon Jones kennen und lieben gelernt habe. Feinste, an den 60er Jahren orientierte Soul Musik, die über weite Strecken grosse Nähe zu Musik und Gesang von Sam Cooke aufweist. Very well done, Mate!

In einer ganz anderen Tradition tummeln sich SHRED KELLY. Sie versehen den traditionellen kanadischen Folk-Sound mit einer ordentlichen Portion frischem Schwung. Mit Banjo, Ukulele und allerlei anderem akustischen Instrumentarium brennen sie auf „Archipelago“ ein wahres Feuerwerk energiegeladener Songs ab. Grosse Hymnen für die Festivals sind genauso dabei, wie etwas gebremster Schwung, der aber die Dynamik dieses Fünfers immer wieder durchscheinen lässt.

Altgedienter Songschmied

Sehr viel abgeklärter und vom Leben gebeutelt klingt CHRIS SMITHER auf seiner neuen Platte „Call me lucky“. Er zieht seine Inspiration auch mehr als 40 Jahre nach seiner ersten Platte aus der amerikanischen Folk Tradition, besonders aber dem Country Blues. Mit gegerbter Stimme und lange trainierter Fingerfertigkeit trägt er seine Sicht und Einsichten über die Welt in der er lebt vor. Er klingt nicht resigniert, eher ernüchtert über den Wandel der Welt und der menschlichen Umgangsweisen. Weiterhin macht er das Album spannend, weil zumindest die CD von 5 Titeln auch noch alternative Versionen enthält, die einen komplett anderen Eindruck vermitteln, als die Erstversionen auf dem Album. Mehr Band, mehr Produktion, mehr Druck.

2 x 6 gibt mehr als 12!

Ich verweile noch kurz bei den Saiten, die bewegen. Zwei ziemliche Ausnahme-Gitarristen, BRANCO GALOIC aus Ex-Jugoslawien und FRANCISCO CORDOVIL aus Portugal. Die beiden legen mit „One with the Wind“ ein ebenso fulminantes wie zurückhaltendes Werk für 2 mal 6 Saiten vor. Sie schöpfen Ideen, Harmonien, Rhythmen aus fast dem gesamten europäischen Raum inklusive der angrenzenden arabischen Sphäre. Und das nicht zu kopflastig oder abgehoben, sondern fliessend in Melodie und übergreifender Handarbeit. Mindestens so bunt, vielseitig und trotzdem leicht konsumierbar, wie seinerzeit Otmar Liebert.

Deutsch amerikanische Freundschaft?

Zum Finale etwas ganz anderes. Die amerikanische Electro/Indie Band POLICA und das Berliner Projekt STARGAZE legen ihr gemeinsames Werk „Music for the long Emergency“ vor. Der eine Teil, Polica, liefert Songs, rhythmische Fundamente und einen erstaunlich oft an Folk Harmonien erinnernden weiblichen Gesang, der andere ergänzt, durchbricht oder unterstreicht mit Instrumenten, die m/f mehr aus dem Orchester kennt. Im Ergebnis stehen da nicht 2 Einheiten nebeneinander, sondern ein wohl organisiertes Klangerlebnis mit ausgeklügelten Strukturen im Niemandsland zwischen klassischer Komposition und durchaus Pop orientierter Darbietung.

Massive und Björk lassen schön grüssen.

Autor: Günter

Archivtexte Ohrenschmauch