HELSINKI-COTONU ENSEMBLE/ LINDI ORTEGA/ SLEEP/ DESERT MOUNTAIN TRIBE/ HENRIK SCHWARZ & METROPOL ORKESTRA/ DAVE ALVIN & JIMMIE DALE GILMORE/ TOWER OF POWER/ CRISTINA BRANCO

Für fantasiebegabte Menschen ist der Name der Combo schon klares Zeichen für das Programm. „We are together“ heisst die CD und bezeichnet wohl die Zusammensetzung des HELSINKI-COTONU ENSEMBLEs, bestehend aus afrikanischem Sänger und Perkussionisten und 7 Musikern aus Finnland. Nach auf den Gesang zugeschnittenem Beginn zeigen die neun, dass sie ausser in diversen afrikanischen Stilen auch im Pop- bzw. Funk-Spektrum gut trainiert sind. Bei diesen ziemlich fetten Grooves und den gekonnten Bläsersätzen wippt mindestens der Fuss ab Titel 4.

Das Innenleben des Covers hätte mich fast vom Konsum abgehalten. Vorurteile helfen nicht, also hören und überrascht sein. LINDI ORTEGA’s „Liberty“ ist weit weg vom Country Music 08-15. Statt dessen eher Stimmungen wie bei Julee Cruise, Mazzy Star in nicht ganz so deprimiert oder Calexico. Die exzellente Band hinter ihr kennt sich von Steel Guitar bis Zeitlupen-Twang mit allem aus, hält das Tempo langsam, um dann und wann doch ordentlich vorwärts zu marschieren. Und keine Texte über Cars und Girls! Sehr hörenswert!

Für manche sind sie Kult, nach 15 Jahren Pause kommt ein neues Album von SLEEP. Das 4. seit 1991. „The Scientist“, in klassischer Rockband 3er Besetzung erzeugt; ist oldest School Hard Rock. Erinnert mich an frühe Black Sabbath oder Grand Funk (schon wieder..) und an den Beginn des Headbanging. Rohe Energie, pur und direkt übertragen und deshalb auch 50 Jahre später immer noch wirkungsvoll.

Noch ein 3er Team. Ebenfalls laut, aber mehr der Indie-Fraktion zuzurechnen. Die Songs haben erkennbare Melodien, den erwarteten verhallten Gesang und etwas filigranere Gitarren-Arbeit. „Om Parvat Mystery“, das 2. Album des DESERT MOUNTAIN TRIBE, den Vorgänger kenne ich nicht, kommt sehr eingängig daher und hat für mich seine besten Momente, wenn die Jungs etwas Druck herausnehmen.

Sehr viel komplexer ist die Struktur in HENRIK SCHWARZ’s neuer CD „Scripted Orkest“. Geschrieben für das niederländische METROPOL ORKESTRA, das seine eigentlich Synthesizer- oder Computer-gesteuerte Musik in orchestraler Form darbietet. Er hat ein gutes Händchen bewiesen, die variablen synthetischen Sounds in die Klangmöglichkeiten konventioneller Instrumente zu übertragen. Das ist nicht ‚Elvis, aber jetzt mit Orchester- Begleitung‘, sondern absolut eigenständig. Angelehnt an klassische Aufführungspraxis, modern in Rhythmus und Tempo, von minimal bis ausgesprochen wuchtig. Auch wenn Philipp Glass und andere Minimalisten immer mal wieder durchscheinen.

Zusammen macht noch mehr Spass

Zwei Urgesteine der amerikanischen Roots-Music haben nach über 30 jähriger Freundschaft tatsächlich ein gemeinsames Album aufgenommen. Nach einer gemeinsamen Tour entschlossen sich DAVE ALVIN & JIMMIE DALE GILMORE, einen Teil der aufgeführten Songs auf ein Album zu bannen. In 12 Titel wandert „Downey to Lubbock“ durch beinahe alle Genres der US Tradition. 2 eigene Kompositionen, 10 Tracks aus der umfangreichen Geschichte, von simplem Rock’n’Roll über Country, Bluegrass zu Woody Guthrie. Keine grosse Kunst, aber ungeheurer Spass, den beiden alten Herren bei ihrer Verbeugung vor der Geschichte zuzuhören. Mit Schwung und Hingabe, Humor und Erfahrung faszinieren sie nicht nur eingefleischte Fans.

Seit 50 Jahren aktiv

Zu TOWER OF POWER muss ich eigentlich nichts mehr sagen. Seit 50(!) Jahren spielen sie ihre exakt gezirkelten Funk-Rhythmen und verzieren sie mit raffinierten Bläsersätzen. So auch auf „Soul Side of Town“, wobei der Titel deutlicher Hinweis ist auf einige perfekt vorgetragen Soul-Smoocher. Auch nach so langer Zeit nicht in Routine erstarrt.

Musikalisches Highlight

Das passiert auch CRISTINA BRANCO nicht. Auch für die Songs ihres neuen Albums „Branco“ hat sie sich mit führenden Musikerkollegen ihre Heimat zusammengetan und eine kaum beschreibbare Melange geschaffen. Der Gesang ist nach wie vor eindeutig Fado, die Klänge, die ihr Trio aus Gitarre, Bass und Klavier zaubert verwischen mühelos Grenzen. Ich höre etwas Balkan, Musette, Balladen, Temporeiches, von kammermusikalisch bis erkennbar angejazzt. Nichts davon mit der Absicht, zu beeindrucken, sondern als Ausdruck des Wissens um die Welt der Musik. Die kennt bekanntlich keine Grenzen und erreicht so Zonen, die der Vernunft verschlossen bleiben. Die stimmlichen Qualitäten will ich hier gar nicht besonders betonen.

Autor: Günter

Archivtexte Ohrenschmauch

GünterGünter

Weitere Beiträge 2018