COWBOY JUNKIES/ BOZ SCAGGS/ CIARA SIDINE/ BERT JANSCH/ RICCARDO TESI BANDITALIANA/ ERROLL GARNER

Extrem ist das neue Normal. Und das gilt nicht nur für die Wetterlage auf der Nordhalbkugel. Dieses Rad werden wir wohl nicht mehr zurück drehen können.

Für den langsam auskühlenden Abend auf Balkon und Terrasse kommt jetzt passende Beschallung. Die COWBOY JUNKIES legen mit „All that Reckoning“ ein neues Werk vor. Wie gewohnt sehr stimmig produziert, überwiegend langsame Tracks, die auf die Stimme der Sängerin zugeschnitten sind plus ein paar entspannte Rock-Nummern, die sogar den Fuss wippen lassen. Nicht so depri, wie zwischendurch einige Werke, mehr mit den Umständen arrangiert, jedoch nicht zufrieden. Deshalb gut und echt.

Noch länger im Gewerbe ist BOZ SCAGGS. Sein drittes Album nach langer Pause rockt etwas mehr, als das von mir dringend empfohlene „Memphis“ aus 2014. Das mit dem ‚Rocken‘ ist in seinem Alter ohnehin relativ, auf den Balladen überzeugt er nach wie vor. „Out of the Blues“ ist der mehr als bezeichnende Titel, und die Band (Keltner & Co.) lässt weder bei Tempo noch bei Stillstand etwas anbrennen.

Eine ganz feine neue Singer/SongwriterInnen Platte gibt’s von CIARA SIDINE. „Unbroken Line“ klingt fast gar nicht nach ihrer Heimatinsel Irland, sondern orientiert an den grossen KollegInnen von der anderen Seite des Teichs. Auch für diese CD gilt, die flotten Songs sind gut, aber die Balladen bleiben im Gedächtnis.

Folk, Blues, Gospel

PHIL COOK ist einer dieser Kollegen, allerdings ein vergleichsweise junger. Seine nicht nur selbst verfassten Songs leben vom sparsamen Instrumenten Einsatz, der durch mehrstimmigen Gesang ergänzt wird und seinen aus dem Blues abgeleiteten Tracks einen Gospel-Touch verleiht. Dazu passend sein sehr gelungenes Cover des Randy Newman Songs ‚He gives us all his Love‘. Den Titel „People are my Drug“ muss m/f nicht weiter deuten.

Als besonders die britische Welt den elektrifizierten Klängen der Gitarre nachhing, damals in den 60ies, war BERT JANSCH einer von denen, die dem Instrument ohne Kabel eine neue Basis schuf. In der Mischung aus eigener Tradition und Vorbildern aus der amerikanischen Folkblues Szene, mit offenen Ohren für die Welt und einer grossen Portion Musikalität, die auch seine Band Pentangle auszeichnete, öffnete er der britischen Folk-Music eine neue Dimension. Das 4 CD Set „A Man I‘d rather be“ fasst beeindruckendes aus den Jahren zusammen, inklusive der Duo-Platte mit Band Partner John Renbourn.

Zwischen den Stühlen

Bei der Bandausstattung mit Akkordeon, Gitarre, Saxophon und Perkussion kann m/f leicht an Folk-Musik denken. Ist in diesem Fall auch nicht ganz falsch, aber die 4 Herren, RICCARDO TESI BANDITALIANA, und diverse Gäste berufen sich nicht nur auf Tradition. Aus der leben sie, öffnen sich aber weit für Einflüsse aus Pop und Jazz. Songs mit knackigen Rhythmen und, auch hier wieder, stimmungsvolle Balladen, die den Instrumenten Raum zur Entfaltung lassen. Zugegeben, als Bewohner der norddeutschen Tiefebene muss m/f sich ein wenig einhören, danach ist „Argento“ ein Genuss.

Meisterklasse

Nein, nicht nur bei den Stones wird permanent nach musikalischem Material geforscht aus der Zeit, als sie noch lebten, ich meine, jünger waren. Aus der folgenden CD gab es in den 60ern 8 Titel auf Schallplatte, die jetzt hervorragend rekonstruierte CD enthält alle 16 Titel inklusive der erstaunlichen Intros des „Nightconcert“ von ERROLL GARNER im November 1964 im Amsterdamer Concertgebouw. Zusammen mit seinen langjährigen Trio Partnern Eddie Calhoun und Kelly Martin swingt er durch das Programm aus bekannten Standards, die er in seiner unnachahmlichen Art interpretiert, und eigenen Kompositionen. In Zeiten, in denen zahlreiche Trios aus Piano, Bass und Drums diese Besetzung in neue Klangdimensionen zu führen versuchen, kommt eine solche im allerbesten Sinne konservative Variante genau rechtzeitig. Handwerkliche Raffinesse kombiniert mit endloser Spielfreude von einem Trio, das nicht einmal mehr proben musste, weil es sich blind verstand. Damit rockte er das Haus von Mitternacht bis in den frühen Morgen. Wirkt 50 Jahre später noch genau so.

Autor: Günter

Archivtexte Ohrenschmauch

Günter Günter

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