NINA ATTAL/ DREAMERS’ CIRCUS/ SAINTSENECA/ GOLD STAR/ STUFF./ ULRIKE HAAGE & CHRISTIAN MEYER

Also ich würde es begrüssen, würde die Sommerzeit als ständige Einrichtung beibehalten.

Ihren ersten Anlauf auf Tonträger habe ich komplett verpasst. Dafür kommt die neue CD von NINA ATTAL „Jump“ bei mir ziemlich gut an. Mischt die junge Französin doch ziemlich gekonnt Genres und Sounds. Basierend auf Blues, mehr in der Stimmung als in der Akkordfolge, integriert sie Tanzgrooves, die von Chic stammen könnten, elektronische Beats und Hip Hop Anleihen und flicht noch ein paar überzeugende Balladen ein. Neben der Tatsache, dass sie sowohl in englischer Sprache als auch auf französisch singt erweist sie sich auch noch als versierte Gitarristin. Ich hoffe „Jump“ ist nur die nächste Stufe, da kann noch mehr folgen.

Wenn sich eine Folk Band DREAMERS‘ CIRCUS nennt, weiss m/f eigentlich schon, dass sie es mit dem traditionellen Liedgut nicht bierernst nimmt. Die drei dänischen Viel-Instrumentalisten haben ihre „Rooftop Sessions“ auf CD gebannt. 11 musikalische Miniaturen, die vom gut eingespielten Trio mit viel Seele und luftigen Arrangements jeden Vergleich mit Volksmusik auf den ersten Blick abstrus erscheinen lassen. Auch wenn deren Instrumente (z.B. Akkordeon, Violine) den Vordergrund beherrschen.

SAINTSENECA’s „Pillar of Na“ erinnert mich an beste 90er Jahre Bands (vornehmlich R.E.M.), bei denen die akustische Gitarre (in diesem Fall auch Bouzouki oder Bariton Mandoline) die Melodien vorgab. Flotte oder auch melancholische Songs, deren Texte nicht nur aus einem schnell gemerkten Mitsing-Refrain bestanden und deren Tempo nicht von einem digitalen Schrittmacher begradigt wurden. In denen sich der Sänger mit der Welt und seinen Gedanken über diese auseinandersetzte. Dabei findet Saintseneca eine Ausdrucks- oder Vortragsform, der m/f gut folgen kann. Nicht zu ‚schön‘ produziert, eher bewusst auf das Notwendige reduziert oder aufgestockt.

Vintage und zeitgemäss

Wurde auch mal wieder Zeit für einen nölenden Protestsänger. Wobei ich den Protest mehr an ‚nölen‘ als unbedingt am Inhalt festmache. Ausgerechnet ein Österreicher (Vorurteil!!), der in L.A. lebt und als GOLD STAR sein „Uppers & Downers“ in einem richtigen Tonstudio (so wie früher) aufgenommen hat. Klingt entsprechend erfrischend Vintage, richtige Instrumente etc., und gute Songs. Obwohl er als knapp 30 Jähriger gar nicht dabei gewesen sein kann, trifft er den Tonfall der lyrischen Velvet U., versieht die Stimme mit Lennon-schem Hall und fällt auch sonst auf keine aktuellen Stereotypen herein. Songs mit Haltung und passender Instrumentierung. Macht Spass.

Niederländer auf dem Sprung

Nach so viel Rückschau jetzt der Puls der Zeit. Das niederländische Quintett STUFF. legt den 2. Longplayer vor. „Old Dreams New Planets“ ist eine Tour de Force durch Sounds, Stile und Rhythmen. Im Jazz und der Improvisation beheimatet, zerlegen die Fünf Harmonien und Beats, basteln sie mit sowohl konventionellem als auch virtuellem Instrumentarium zu neuen, ungewohnten Klängen wieder zusammen. Dabei bleibt kein Genre unberührt, kein Sound Tabu. Der eingebaute Eigengroove des Quintetts hält das ganze als Masterplan zusammen. Experimentell und absolut spannend.

Musik für Zeit und Raum

Ausser einem Gerät für das Abspielen und Zeit braucht m/f für den Genuss der neuen CD von ULRIKE HAAGE & CHRISTIAN MEYER nichts. Doch: offene Ohren! Sie setzt minimale Tonfolgen mit dem Klavier, er übersetzt und erweitert den Klang mit ungewöhnlichen Sounds aus seinem elektronischen Baukasten. Sie bevorzugen nicht den gezielten Schönklang, sondern verführen das Ohr mit wenigen Tönen zum intensiven Zuhören. Das gibt Raum für die eigene Fantasie, lässt die Zeit scheinbar still stehen. Entsprechend lang sind die 6 Titel, die auch mal Rhythmus haben können, ihre Spannung jedoch immer aus der Verzahnung der virtuellen Klänge mit dem vertrauten Ton des Klaviers beziehen. „Stills“ ist Musik für Raum und Zeit, ohne Schublade, ohne Ballast.

Autor: Günter

Archivtexte Ohrenschmauch

Günter Günter

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