MARC RIBOT/ TONY JOE WHITE/ ED MOTTA/ ALLYSHA JOY/ MACY GRAY

Amerika hat einen leichten Vorsprung beim weltweit erkennbaren Rechtsruck. Ob er den Plan schon vorher hatte, oder die letzten Präsidentschaftswahlen der Auslöser waren ist mir nicht bekannt. MARC RIBOT’s neue Platte heisst „Songs of Resistance 1942-2018“ und der Name ist Programm. Ganz im Stil der Protestsänger des letzten Jahrhunderts verzichtet er auf konventionelle Band-Ausrüstung. Meistens er auf 1 oder mehr Saiteninstrumenten, etwas Perkussion, manchmal sogar Streicher, aber auf jedem Song erstklassige Gastsänger für Songs, die einem beim Gedanken an Protestsongs nicht sofort ins Gedächtnis kommen. Eine innige Version von ‚Bella Ciao‘, gesungen von Tom Waits, 2 ‚Outlaw-Country‘ Beiträge von Steve Earle & Tift Merritt, Marc selbst ‚singt‘ selbst 2 für dieses Werk komponierte Songs und es gibt ein kurzes Wiederhören mit Syd Straw. Für eine CD von Marc Ribot sogar durchgängig leicht zu hören, auch wenn der Inhalt, gerade in heutiger Zeit, nicht leicht zu verdauen ist.

Reduziert auf’s Maximum

Hintereinander weg jetzt 2 meiner ewigen Favoriten. TONY JOE WHITE, der seit den späten 60ern eigentlich immer den gleichen Song spielt, den aber derart weit variieren kann, dass, von wenigen Ausnahmen abgesehen, seine Alben durchaus als Klassiker des US Roots Rocks angesehen werden können. Für sein aktuelles Werk begibt er sich zurück an die Anfänge seines (Musiker)-Lebens. Country Blues, einfach, echt, so wie er vor 60 Jahren klang und wahrscheinlich in 60 Jahren auch noch klingen wird. Jimmy Reed, Lightnin‘ Hopkins, Charlie Patton zitiert er, fast im Alleingang mit seiner Gitarre und streut einige persönliche Favoriten aus dem eigenen Schaffen hinzu. Ein Mann, eine Gitarre und der Blues, so wie John Lee Hooker in seinen besten Zeiten.

Brasilianer in Berlin

ED MOTTA verfolge ich seit den 80ern. Auffällig in der ‚Black Rio‘ Bewegung, Soul und Funk mit Samba und Bossa kreuzend, lieferte er im Lauf der Zeit unterschiedlichste Darbietungen ab. Seine drittletzte Platte wurde gern auch als das beste Steely Dan Album, das diese nie gemacht haben tituliert, auf der vorletzten ging es sehr Jazz affin zur Sache. „Criterion of the Senses“, die neue CD, bewegt sich zwischen diesen beiden Polen. Nein, niemand spielt ein Gitarren-Solo wie Walter Becker und niemand formuliert so meisterlich zwischen lässig, sarkastisch und zynisch wie Herr Fagen. Aber anspruchsvoll komponierte Songs in ausgeschlafenen Arrangements mit Texten, die aus weit mehr als einem leicht zu merkenden Refrain bestehen, davon gibt es hier satte 40 Minuten, überzeugend gesungen und eine gute Figur macht der kräftige Mann auch an den Keyboards. Pop Musik für Erwachsene, die auch ein paar jazzige Akkorde und Einwürfe wechseln können.

Soul-Jazz from Down Under

Da kommen Erinnerungen auf an Erykha Badu. ALLYSHA JOY, Australierin, deshalb auch musikalisch etwas anders sozialisiert, präzisiert ihre Vorstellung auf „Acadie:Raw“. Statt Erykha’s knackigen Hip Hop Beats bedient sie sich einer etwas fliessenderen Soul-Groove Variante und realisiert mit ihrer Band, die auch unter dem Namen 30/70 firmiert, durchaus jazzige Arrangements mit beinahe Spoken Word Einlage. Intensive Soul-Jazz Musik für Menschen, die weder Goldkettchen auf dem Cover noch Beats für eingeübte Tanzschritte brauchen.

Und noch eine tolle Stimme, die sich nach und nach immer weiter von den gängigen Soul und Funk Stereotypen entfernt. Auf „Ruby“ versetzt MACY GRAY die R’n’B Basis mit einer ordentlichen Prise, ich nenne es mal, Nachtclub-Jazz. Grosse Arrangements, die ein griffiges Gitarren-Solo von Gary Clark Jr. einschliessen, Bläser-Riffs, die vom Wissen um den Sound der 70er inspiriert sind, Beats die nach vorne gehen, ihre Gospel geschulte rauchige Stimme und eine erstklassige Produktion machen ihr 10. Album zum wohl ‚echtesten‘, all ihre Qualitäten umfassenden Werk ihrer Karriere.

Autor: Günter

Archivtexte Ohrenschmauch

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