SAMY DELUXE/ KAREN JONAS/ THE JOY FORMIDABLE/ SPAIN/ ANTHONY JOSEPH/ TOLGA DURAN OTTOMANI

Das schwerste zuerst. Mit deutschem Hip Hop oder Rap liege ich nicht erst seit dem Echo-Skandal überkreuz. Dick aufgeblasene Egos, aufgebaut auf dem Recycling meist amerikanischer Vorbilder. Textlich auf ‚reim dich oder ich fress dich‘ begrenzt und von zweifelhaftem Weltbild geprägt. Da gehöre ich nicht zur Zielgruppe. Lichtblicke gibt’s zum Glück auch. Z.B. SAMY DELUXE, seit gut 20 Jahren im Geschäft und, wenn überhaupt, nur minimal korrumpiert. Keine Plastik-Beats aus dem Shisha-geschwängerten Übungsraum sondern mit ‚richtigen‘ Musikern auftreten, so klingt sein „MTV Unplugged“ (SAM-TV Unplugged) eher wie gut organisierte Pop-Musik mit funkigen Beats, illustren Gästen, auch aus der frühen Generation der Szene. Da gehen sogar Balladen, die er zwischen seine uptempo vorgetragenen Reime packt und bei alledem geht weder sein ‚Flow‘ noch der Groove verloren. Und er hat was zu sagen!

Im Vergleich dazu ist KAREN JONAS noch ein unbeschriebenes Blatt. „Butter“ ist das erste, was ich von ihr höre. Blitzsauberer Country-Rock mit einem gelungenen Schuss Pop-Harmonien. Komplett selbst geschrieben, produziert und mit klarer, kräftiger Stimme gesungen. Passend arrangiert mit Twang und Pedal-Steel, leichte Kost aber hervorragend gemacht.

Ordentlich laut kommen THE JOY FORMIDABLE mit ihrem 4. Longplayer „Aaarth“ um die Ecke. Im Trio gestalten sie ziemlich originellen Gitarren-Rock. Zwischendurch in der Ausblende etwas Grillengezirpe oder ein Glockenspiel im Intro, danach aber wieder elektrische Gitarre, leicht psychedelisch und über, zwischen, vor und hinter der Soundwand die sich trotz allem behauptende Stimme der Sängerin. Gelegentlich erinnert das Klangkonzept ein wenig an Garbage.

Spain, Version 2018

Nach dem Ende der überlangen Pause sind SPAIN in den letzten Jahren wieder richtig aktiv. So gibt es auch in diesem Jahr wieder Neues von den Slow Core Pionieren. Langsame Songs mit einprägsamen Melodien sind nach wie vor das Markenzeichen, auf „Mandala Brush“ kommen dazu noch organisierte Jams, die eine Dokumentation der Entstehung eines Songs sein könnten und Titel mit nennenswertem Bläser-Einsatz. Ausser der 4er Kern-Combo wirken 2 Haden Schwestern an Violine und Cello mit sowie partiell 3 Herren an Trompete, Saxophon und Klarinette mit. Aber immer schön langsam, nicht zu viel auf einmal!

Karibische Mischung

ANTONY JOSEPH und seine karibisch verwurzelte Musik empfehle ich gern zum wiederholten Mal. Mit „People of the Sun“ widmet er sich ganz gezielt den musikalischen Strömungen und Zeiten seiner Heimatinseln Trinidad und Tobago. Soul, Funk und Jazz Ideen hat er im Lauf der Zeit überall auf der Welt gesammelt, jetzt führt er sie zusammen mit den heimischen Rhythmen und Klängen. Erzählt Geschichten über perkussions-lastige Beats, legt Bläser und Streicher über Calypso, löst sich mit Steeldrum und Bass und wechselt in einen 70ies New York Funk. Er bindet die ‚jung Garde‘ der heimatlichen Musiker und ihren Rapso ein mit harscher Gitarrenbegleitung um gleich im nächsten Track wieder ganz traditionelle Songstrukturen zu verfolgen. So frisch, unverbraucht und unvoreingenommen erlebt m/f Musiker eigentlich nur am Anfang ihrer Karriere.

Mediterranes in Zeitlupe

Und etwas ganz Zartes zum Schluss. TOLGA DURAN OTTOMANI ist ein Quartett (8 Hände..) aus Italien. Mit Handtrommel, Kontrabass, Bass-Klarinette und Gitarre nicht ganz gewöhnlich besetzt. Diese 4 verzaubern ihre HörerInnen mit sparsamen, wohlklingenden Tonfolgen in meist langsamem Rhythmus. Mediterrane Motive prägen das Bild auf „Gelibolu“, Bass und Handtrommel bauen das Gerüst, auf dem Gitarre und Bass-Klarinette ihre melodischen Ausflüge aufbauen. Wobei der Zusammenklang von Gitarre und Klarinette, ob unisono oder im Wechselspiel, allein schon eine seltene Faszination ausübt. Ton für Ton, so, wie es die Musiker planten.

Autor: Günter

Archivtexte Ohrenschmauch

Günter Günter

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