LUCA D’ALBERTO/ FALKEWIK/ DAWN BROTHERS/ WALDECK/ LE TRIO JOUBRAN

‚Ein gesunder Geist in einem kranken Körper?‘ Das ist nicht ungewöhnlich. Sicher auch gut, darüber Vorträge oder Seminare zu halten. Mir wäre allerdings genau so wichtig, das Thema ‚ kranker Geist in einem gesunden Körper‘ entsprechend intensiv zu beleuchten. Der ist gerade dabei überhand zu nehmen.

Macht alles selbst

Schon das VorgängerAlbum hat mich ordentlich beeindruckt. Auf der aktuellen CD „Exile“ von LUCA D’ALBERTO geht er noch einen Schritt weiter. Mehr Instrumente, die er alle selbst spielt, aufnimmt, elektronisch bearbeitet und verfremdet und auf diese Weise zu seinem sehr eigenen Klang verschmilzt. Durchweg eher harmonisch, meist in getragenem Tempo und mit wiedererkennbaren Melodielinien. Dazwischen fast romantische Piano-Miniaturen oder Passagen, die Erben von Kooyanniquatsi sein könnten. Ein ernst zu nehmender Vertreter der neuen Komponisten-Generation.

Eine selten gehörte Mischung aus modernem Trio-Jazz, Singer/Songwriter Musik und gelegentlich fast poppigen Melodien und Rhythmen bieten FALKEVIK. „Louder than I’m used to“ heisst das Werk der drei Norwegerinnen, die von beherzten Grooves über elfenhafte Songs zu inspirierten Solo-Ausflügen ganz tief ihre kreativen Potentiale ausloten. Dabei aber nie das Gefühl für eine gelungene Melodie oder das Wissen über gelungenen Spannungsaufbau vermissen lassen.

Solche Bands gibt es wahrlich nicht viele. Die DAWN BROTHERS schaffen den Spagat, auf einer Plattenseite ohne Brüche von Soul á la Curtis Mayfield zum eher Swamp Rock von Creedence Clearwater zu gelangen. Verlieren dabei aber nicht das Gesicht, sprich, ihren eigenen Sound. Basierend auf der Vergangenheit, aber mit beiden Füssen (insgesamt 8..) im Hier und Jetzt stehend. Amerikanische Roots Music. Die muss nicht zwangsläufig nach früher klingen, auch wenn immer etwas davon durchscheint. Es ist immer die Frage, ob m/f sich einen herumliegenden Schuh einfach anzieht, oder ob einem der schon immer gepasst hat.

Fortgeschrittener Ballroom

Mit seinen ‚Ballroom Stories‘ hat WALDECK vor ungefähr 10 Jahren das Genre Electro Swing geprägt, wenn nicht gar erfunden. Was tun mit einer so hohen Messlatte? Flüchten? Ist mit ‚Gran Paradiso‘, dem Nachfolger nicht wirklich gelungen. Also doch wieder Ballroom, aber bitte nicht das gleiche noch einmal. Und das hat er sehr gut hinbekommen. Sein aktueller „Atlantic Ballroom“ schöpft auch aus vielen andern Töpfen. Jazzige Bläsersätze, gestopfte Trompete, bluesige Piano Klänge, eine neue Hauptsängerin und Arrangements, die verwandt sind mit Ideen grosser Soundtrack Komponisten, so versteht er seinen Ballroom in der Gegenwart. Ein bisschen Swing natürlich auch, dazu aber auch schöne Balladen. Mit diesen 12 neuen Tracks, auf denen auch seine ‚altgedienten‘ Stimmen Joy Malcolm und Big John Whitfield zu hören sind, setzt er die vor Jahren begonnene Erfolgsgeschichte zur Freude seiner Fans erstklassig fort.

3x Oud in Vollendung

Zum Finale heute eine, bei der m/f zuhören können muss. LE TRIO JOUBRAN, 3 Brüder aus Palästina, die alle die Oud spielen. Allein der Klang dieser arabischen Laute ist absolut faszinierend. Wenn sie dann auch noch von gleich 3 derartigen Virtuosen in Szene gesetzt wird, die sich sowohl in gesetzten Songstrukturen als auch in intuitiver gemeinsamer Improvisation schlafwandlerisch sicher bewegen, ist das Hörerlebnis perfekt. Im Hintergrund färbt eine Handtrommel tieftönend ein, Piano und Streicher setzen wenige Tupfer, auf 2 Titeln ergänzt der gesprochene Vortrag von Gedichten die Reise, den im Titel ‚Carry the Earth’ Roger Waters beisteuert. „The long March“ ist der Titel ihres bereits 6. Albums, mit dem sie hoffentlich auch ausserhalb ihres eigenen Sprachraums Erfolg haben werden.

Autor: Günter

Archivtexte Ohrenschmauch

Günter Günter

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