MHL BIG BAND/ SONGS OF OUR NATIVE DAUGHTERS/ BUDOS BAND/ RSxT/ DANCAS OCULTAS

Jazz Hot Spot Lübeck!

Selbst Fachbesucher der jazzahead würden auf die Frage, ob sie Lübeck für einen Hot Spot des Jazz halten, wohl eher zögerlich bis unsicher antworten. Ist es vielleicht auch nicht, aber die Gross-Combo der dortigen Musikhochschule, die MHL BIG BAND, überrascht bereits zum 2. Mal mit einem fulminanten Werk. Es wäre ein Leichtes gewesen, Klassiker des Genres in aktueller arrangierten Variationen vorzulegen, das kreative Potential der Beteiligten füllt „Changing Times-Lübeck Sounds Vol. 2“ jedoch mit 8 absolut eigenen Kompositionen. Die reichen von Fusion-Jazz inspirierten, kantigen Grooves mit leichter Nähe zu Zappa vom ‚alten‘ Professor, zu Swing mit mehr als dezentem Hinweis auf das 1938 Carnegie Hall Concert der Benny Goodman Band zu Elektro-Beats mit ausschliesslich ‚unplugged‘ Instrumenten und zur mehr als 20 Minuten langen Final-Nummer mit Big Band, Chor und Electronics, die mit ihrem ostinaten Beat im richtigen Tempo selbst auf den Tanzböden der Jetzt-Zeit gut aufgehoben wäre. Dazu gut trainierte InstrumentalistInnen, ausgeklügelte Arrangements und eine runde Produktion.

Vergangenheit für die Zukunft

Diese hier wird eher nicht in den Vorschlags-Listen von iTunes und Co. auftauchen. Vier dunkelhäutige Banjo-Spielerinnen, die noch dazu exzellente Sängerinnen sind intonieren gemeinsam „SONGS OF OUR NATIVE DAUGHTERS“. Werfen dabei neues Licht auf die Geschichte(n) afrikanisch-amerikanischer Frauen, ihren Kampf, Widerstand, ihre Hoffnungen. Anhand historischer Quellen vom 17. Bis ins 19. Jahrhundert. Sie re-interpretieren und schaffen Neues aus alten Quellen. Scharf und deutlich formuliert, musikalisch vielseitig vorgetragen, von Hillbilly bis Blues und fast allem dazwischen. RHIANNON GIDDENS, AMYTHYST KIAH, LEYLA McCALLA und ALLSION RUSSELL, teilweise unterstützt von Bass und Drums, beleuchten alte Themen und Zustände und zeigen dabei auf, dass sich bis heute nur wenig geändert hat. Ihre handwerklichen sorgen dafür, dass dies absolut keine verbissene Polit-Liedermacher-Platte geworden ist. Wie immer bei Smithonian Folkways Produkten, mit ausführlichem, mehr als informativem Booklet und erstklassiger Produktion.

Die BUDOS BAND kommt mit Album Nummer „V“. Für Künstler des Daptone Labels (Sharon Jones, Charles Bradley) mit eher untypischem Sound. Im Lauf der Jahre und Alben haben sie sich von der Afro Beat Startrampe mittlerweile weit entwernt. Harte Gitarren-Riffs, dazu ausgefallenen Bläser-Arrangements, ohne Gesang dafür mit strammer Instrumentenarbeit. Ruft die Zeit der richtigen Rockbands mit Erweiterung durch Blech ins Gedächtnis zurück.

Explosive Mischung

Eine spannende Mixtur aus Jazz-Piano-Trio-plus-Gäste liefert das RSxT (Roman Schuler extended Trio) mit seiner CD „Flourish“. Melodien die ins Ohr gegen, dahinter jazzige Begleitarbeit oder fette Beats. Sowohl akustisch, auch mit Samples oder Elektronik versetzt, verwurzelt in groovendem Jazz mit angedeuteten oder kräftigen Rhyhmen und verfeinert mit S. Studnitzkys Trompete. Von beinahe romantischer Ballade zu explosiver Spielfreude verschmelzen diese drei plus x Genres, Sounds und Methoden.

DANCAS OCULTAS ist ein Akkordeon-Quartett aus Portugal und fabriziert Musik, die ich nur schlecht in Worte fassen kann, die mich aber total fasziniert. Für das aktuelle Werk „Dentro desse Mar“ haben die vier Herren Gäste eingeladen, um die musikalische Grundlage noch zu verbreitern. Mal klingen sie nach mittelalterlichen Tänzen, in überhaupt nicht traditioneller Spielweise oder nach Bänkelsänger auf komplexen Harmonien. Wenn J. Morelenbaum am Cello dabei ist, kommt etwas Brasilien ins Spiel und wenn Carminho singt, klingt es natürlich nach Fado. Aber nichts von allem ist es eindeutig, sondern sorgfältig ausgeführte Komposition in Kombination mit dem konkreten Ziel anders zu klingen und dabei die möglichen Hörer nicht zu strapazieren, sondern ihnen mit schönen und sanften ‚Liedern‘ die Ohren zu schmeicheln.

Autor: Günter

Archivtexte Ohrenschmauch

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