PAUL BREMEN/ MINCK/ LÜCKER & SCHICKENTANZ/ GREG LAMY/ CAMERON GRAVES

Paul Bremen – Hillbilly aus dem Rheinland?

Menschen müssen nicht aus dem hintersten Tal der Berge Arkansas‘ stammen um ihr musikalisches Herz an Bluegrass Musik zu verlieren. PAUL BREMEN und seine kleine Mannschaft musizieren in der klassischen Besetzung aus Geige, Mandoline, Gitarre, Bass und zeigen, dass sie auch als nicht Ur-Einwohner des Hinterlandes das richtige Gefühl und vor allem, das entsprechende handwerkliche Rüstzeug mitbringen, die eigenen Kompositionen authentisch klingen zu lassen. Der eine oder andere ‚Artfremde‘ Einfluss oder Klang auf „Out of Excuses“ macht diesen Ausflug zu einer 45 minütigen Rundfahrt durch unterschiedlichste Landschaften und Stimmungen.

Bei deutsch-sprachigem Befindlichkeits-Pop bin ich etwas vorurteilsbelastet. Doch Oliver MINCK gelingt es mit seinen „Einsamen Inseln“ diese Barriere im Kopf zu umschiffen. Mit findigen Arrangements für das sparsam eingesetzte Instrumentarium und Texten über nachvollziehbare Erlebnisse und Zustände, die zwar nicht die Raffinesse des Herrn Regener, dafür aber eine sehr eigenen Handschrift besitzen. Weniger Poesie, als vielmehr Alltägliches, Wünsche, Träume, Erfahrungen, Kritik, in nachvollziehbare, nicht nur positive, Formulierungen gekleidet, und überzeugend gesungen. Das Beste daran, er verzichtet auf jede Art von Mitklatsch-Rhythmus, biedert sich auch hier nicht an das Übliche dieser Branche an.

Und BRD zum Dritten. „LÜCKER & SCHICKENTANZ“ improvisieren als Duo mit Posaune / Electronics und Drums/Sound Percussion unter dem Albumtitel „Suspicion about the hidden Realities of Sound“. Experimentell in sowohl Klang als auch Rhythmik erschaffen sie Soundscapes zwischen Jazz, Minimal, Ambient und Neuer Musik. Liest sich ‚wild und frei‘, ist es letztlich auch, jedoch weniger wild. Ausgeklügelte Klänge des jeweiligen Instruments, weniger an Harmonie oder Melodie orientiert als vielmehr an der Erkundung neuer Sound-Landschaften, öffnen die Ohren für Musik, die nicht zweckgebunden (tanzen, chillen..) und trotzdem homogen, kurzweilig und spannend klingt. Abstrakt und doch sofort verständlich.

Greg Lamy – Diszipliniert im Vordergrund

Ganz das Gegenteil, klare Songstrukturen und eindeutige Klänge kennzeichnen „Observe the Silence“ von GREG LAMY . Klarer Gitarrensound und seine Vorliebe für Harmonien beherrschen den Charakter seines neuen Werks. Unterstützt von Bass, Drums und gelegentlich Piano gestaltet er seine Kompositionen als meist nicht lange Exkursionen in melodische Gefilde. Bleibt dabei weit entfernt von handwerklicher Frickelei, stellt seine Fingerfertigkeit immer in den Dienst des Zusammenspiels mit den Kollegen. Gerade dieses zurückgenommene, disziplinierte Spiel im Vordergrund macht die Songs interessant und entfernt ihn deutlich von der Masse der „Stars mit 6 Saiten.

Cameron Graves – Thrash-Jazz…

Die Schublade ‚Thrash-Jazz‘ ist neu in meiner Etiketten-Sammlung. Das ‚Thrash‘ hat CAMERON GRAVES aus seiner Vorliebe für 80er/90er Hard Rock und Metal herübergerettet. Auf seinem „Seven“ wird der Pianist von Bass, Drums und Gitarre verstärkt und Saxofonist Kamasi Washington hilft auf 2 Tracks. Mit ordentlich Druck, Tempo, fingerfertigen Riffs führt das Quartett Ideen und Herangehensweisen der 70er Jahre Jazz-Rock-Fusion Tradition fort, orientiert sich erkennbar an Mahavishnu und den elektrifizierten Return to Forever. Die handwerklichen Voraussetzungen sich bei diesen Vorgaben nicht zu blamieren, bringt die Band überzeugend mit, verliert sich nicht in Retro Gefilden sondern gibt dieser seinerzeit sogar Charts fähigen (!) Musik in Komposition und Sound einen ordentlichen Frische-Kick.

Autor: Günter

Archivtexte Ohrenschmauch

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