WAYNE SHORTER/ METTE JUUL/ Dr. WILL/ JAKE LA BOTZ/ ILKKA AROLA/ MARC PERRENOUD TRIO

In Big Band Variante

Mit dieser muss ich einfach anfangen. Das Jazz at Lincoln Center (JLAC) mit Wynton Marsalis spielt Musik von WAYNE SHORTER. Und noch besser, der ist durchweg auch als Solist gefordert. 10 Titel aus seinem Schaffen, der grössere Teil aus der ersten Hälfte der 60er, aber ebenso Tracks aus den 70ern und 80ern, aufbereitet für eine erstklassig besetzte Big Band, die einen bemerkenswerten Job macht, in dem sie Waynes Musik in schnittige Arrangements umkleidet, dabei aber die Struktur, den Kern der Kompositionen nie aus den Augen verliert. Aufgenommen bereits in 2015, erst jetzt auf dem JALC hauseigenen Label veröffentlicht.

Mette is her Name

Vom grossen Orchester zum intimen Duett. METTE JUULs Begleit-Mini-Album zum Vorjahrs-Album ‚Change‘ erinnert mich stark an ‚Julie is her Name‘ (Julie London). Mette singt 5 persönliche Favoriten, von z.B. Jimmy Rowles, Hogy Carmichael oder Leonard Bernstein, nur begleitet von der Gitarre, gespielt von Mike Moreno, Per Mollehoj und Ulf Wakenius. Auf 2 Titeln trägt zusätztlich der Bass von Lars Daniellson die Harmonien. „New York – Copenhagen“ ist zwar nur ca. 25 Minuten lang, aber derart überzeugend gesungen und feinfühlig begleitet dass ich als Ergebnis nur sagen kann: Entschleunigung pur.

Der Doktor hat’s raus

Vermutlich gibt es in jeder Region unseres Landes Musiker, deren handwerkliche Qualitäten für eine internationale Karriere ausreichen, die vom Starruhm aber verschont bleiben, weil es niemanden gibt, der die ‚Anschub-Finanzierung‘ übernimmt. Dr. WILL ist so ein Kandidat aus dem Süden. Für sein aktuelles Werk hat der Voodoo Doktor eine ganze Anzahl ‚Patienten‘ zusammengetrommelt, die ihm helfen seinen speziellen Sound von der Theorie in schmissige Praxis zu überführen. Er selbst trommelt und singt, wird unterstützt von Bass, Git., Orgel, Tasten und verschiedenen gut integrierten anderen Klangerzeugern. Zusammen erschaffen sie einen Sound, der den fetten Groove des mittleren Dr. John, den Soul der Nevilles und die Balladen des Willy DeVille am geistigen Auge vorüberziehen lassen. Und den Titel „I want my Money back“ wird sicher niemand wiederholen, der Geld für diese sehr gelungene Eigenproduktion ausgegeben hat.

Ob er schon vorher eine Platte gemacht hat, habe ich nicht recherchiert. So, wie er aussieht und klingt, ist er sicher kein Newcomer. JAKE LA BOTZ verschmilzt auf seinem „They’re coming for me“ bluesige Grundmuster mit gekonntem Songwriting, etwas Country und ein wenig Rock’n’Roll Übermut. Mit kleiner, konventionell bestückter Band gelingt es ihm 10 (auf CD 12) Titel aus der eigenen Feder jeweils sehr individuell und doch zu diesem Ganzen passend zu arrangieren. Sehr einfallsreicher Songwriter, der vermutlich von zu viel ‚berühmterer‘ Americana-Konkurrenz verschüttet werden wird.

Meine erste Imagination zum folgenden Album: ILKKA AROLA und seine 5 köpfige Crew ‚Sound Tangine‘ sind unterwegs auf dem Meer des Jazz. Von Zeit zu Zeit müssen sie an Land, um Proviant aufzunehmen. Nicht zwecks Essen, sondern in Form musikalischer Einflüsse des Landes an dessen Küste sie landen. Das ist meist der vordere Orient. Oder auch der Balkan, oder Spanien. So mischt der finnische Trompeter auf „Land ahead“ quirlige Trompeten-Linien und entsprechende Begleitung durch Rhythmusgruppe plus zweitem Bläser (Bass Klarinette und Bariton Saxofon) mit arabisch anmutenden Harmonie- und Rhythmus-Einwürfen, nordafrikanischen Oud Klängen und spanischer Gitarre zu einer ungewöhnlichen Variante ‚World-Jazz‘.

Zum MARC PERRENOUD TRIO kann ich an dieser Stelle nichts sagen, was nicht schon woanders und vermutlich besser formuliert wurde. Klassische Trio Besetzung (p,b,dr) aus 3 Individualisten, die mit „MORPHEE“ bereits ihr 5 gemeinsames Album herausgeben. Derart aufeinander eingespielt, dass sicher nur die Klavier-Linien vor-komponiert werden mussten, die Rhythmusgruppe reagiert sensibel wie ein Seismograf auf Anschlag und Betonungswechsel, füllt Räume, die sie sich dabei selbst schafft, ist nie vorn oder hinten, sondern immer der gleichwertige Teil dieser verschworenen Gemeinschaft. State of the Art?

Autor: Günter

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