Zwei Eindrücke der letzten Tage, liebe Leserinnen, liebe Leser, lieferten mir das Thema für diesen Presseausweis.

Zwei Eindrücke der letzten Tage, liebe Leserinnen, liebe Leser, lieferten mir das Thema für diesen Presseausweis.

Am 30. Oktober schaute ich Tim Cook im Livestream zu. Der Chef des mit über 1.000 Milliarden Dollar Börsenwert größten Unternehmens der Welt (Apple Inc.) präsentierte in New York neue Macintosh Modelle. Dabei legte Cook immer wieder die Hände aneinander und richtete den Blick gegen die Decke. Was macht er denn da?, fragte ich mich. Als er schließlich den Preis des neuen Mac mini nannte, wußte ich: der Mann betet um Geld, um mehr Geld, um unser Geld.

Das Bild des Geld erbetenden Apple-Chefs ging mir nicht aus dem Kopf, vielleicht auch deshalb, weil Apple zwei Tage später Quartalszahlen veröffentlichte und mit der Prognose für das kommende Weihnachtsgeschäft die Erwartung der Börse enttäuschte: Investors Darling wäre Cook geworden, hätte er für die kommenden 3 Monate einen weiteren Weltrekord in Aussicht gestellt: mehr als 100 Milliarden Umsatz in einem (!) Quartal.

Anderntags der andere Eindruck, der mir als Fazit eines SPON-Artikels auf den Bildschirm kam: "In Deutschland haben sich sowohl Armut als auch Reichtum seit der Wiedervereinigung deutlich verfestigt. ... Lebten Anfang der Neunzigerjahre noch 3,1 Prozent der Bevölkerung in dauerhafter Armut, sind es laut aktuellsten Zahlen schon 5,4 Prozent - eine Steigerung um 74 Prozent."

Den scharfen Kontrast zwischen grenzenlosem Reichtum und wachsender Armut empfinde ich verstörend. Soviel Erinnerung ist noch*, dass ich mich wie in einem Pawlow’schen Reflex fragte: was würde ich einem Grundschulkind für sein unendlich spielerisches Lernpotential wünschen, um über die Jahre mit eigener kreativer Kraft aus dem Teufelskreis der Armut herauszuwachsen?

Ich würde dem Kind Eltern, Großeltern und/oder Bekannte wünschen, die ihm zu Weihnachten einen Rasp-berry Pi schenken. Eine kleine Platine in einem einfachen Gehäuse, die - verbunden mit ausrangiertem Flachbildschirm, Tastatur und Maus - zum internetfähigen Klein-Computer wird. Der Start in eine unendliche Welt voll Wissen, nicht mit Tim Cook und 899,- EUR für den billigsten Mac mini sondern mit einer unscheinbaren, universellen, unendlich erweiterbaren Lernmaschine ist möglich. Ein Raspberry Pi für nur 5% des Mac Preises, mit dem sich junge Menschen Fähigkeiten und Orientierungen in einer zunehmend digitalen Welt aneignen können, die sie ein Leben lang bereichern werden. Go for it! Dafür werde ich sogar beten.

*Geld war weiß Gott knapp in den 50ern in der Familie. Zum Glück schenkten meine Eltern mir und meinem Bruder nicht fertiges Spielzeug wie die erträumte Modelleisenbahn. Stattdessen gab es früh ein Fahrrad und einen Märklin Metallbaukasten. Draußen Training der Muskeln in den Beinen, drinnen Training der konstruktiven Fähigkeiten im Kopf. Ich könnte Vater und Mutter noch heute für ihre Weitsicht küssen.

Autor: Arno Tilsner

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