Es gibt zwei Gründe, weshalb der homo sapiens vor 70.000 Jahren begonnen hat,

Es gibt zwei Gründe, weshalb der homo sapiens vor 70.000 Jahren begonnen hat, sich gegen alle anderen Arten auf dem Planeten durchzusetzen, obwohl er nicht das größte oder stärkste Lebewesen war, sagt Yuval Harari in seinem Weltbestseller „Eine kleine Geschichte der Menschheit“: 1. konnte er Informationen außerhalb der eigenen DNA speichern und 2. konnten Millionen von Menschen miteinander agieren, auch über große Entfernungen hinweg, während bei Tierherden der Zusammenhalt bei 300 bis 500 endet.

Menschen gelingt das, weil sie sich Ordnungen vorstellen, die ihr Zusammenleben und Handeln steuern. Wie die Gesetze der Schwerkraft wird die Ordnung für wirklich gehalten, und das ist sie auch, solange die Menschen daran glauben.

Wir glauben daran, dass wir für einen bunt bedruckten Zettel Schuhe kaufen können oder eine Reise. Wenn aber der Glaube in den vorgestellten Wert des Geldes durch Hyperinflation erschüttert wird, müssen Zigaretten, Kaffee oder Schnaps zum Bezahlen herhalten.

Eine vorgestellte Ordnung bricht zusammen, wenn die Menschen nicht mehr daran glauben, obwohl sie vielleicht Jahrhunderte für ebenso wirklich gehalten wurde, wie die Naturgesetze. Die Reformation erschütterte das heilige römische Reich. Eine Folge war der 30jährige Krieg.

Als niemand mehr an den Kommunismus glaubte, brach die Sowjetunion zusammen.

Wie wird es unserer liberalen Ordnung ergehen angesichts der Herausforderungen durch Rechtspopulismus, Autoritarismus und Vorstellungen sog. „Illiberalen Demokratien“ (Orban)? China und Russland haben andere Vorstellungen vom richtigen Zusammenleben als wir. Gleiches gilt für Trump. Und Befürworter autoritärer Verhältnisse gibt es auch bei uns: Front National, FPÖ, AfD.

Kann die Vorstellung einer freiheitlichen Ordnung dauerhaft prägend sein für das Zusammenleben der Menschen - oder ist Freiheit zu anstrengend, weil sich die Menschen nach Vorgaben und Führung sehnen? Braucht der Mensch eine Idee, ein großes Ziel, das es gemeinsam mit allen zu erreichen gilt - koste es, was es wolle? Oder können die individuellen Bedürfnisse der Menschen, so, wie sie sind, Ausgangspunkt von Ordnungsvorstellungen sein, die unser Zusammenleben regeln?

Wir werden unsere offene, freiheitliche und pluralistische Gesellschaft nur erhalten, wenn wir daran glauben. Wenn wir davon überzeugt bleiben, dass die Würde JEDES Menschen unantastbar ist, dass Macht kontrolliert und legitimiert werden muss, dass der Rechtsstaat Minderheiten schützt und dass soziale Gerechtigkeit auf verschiedenen Wegen verwirklicht werden kann. Dass wir in Wahlen darüber entscheiden, welche dieser Vorstellungen für unser Zusammenleben für die nächsten vier Jahre verwirklicht werden sollen.

Westeuropa hat in den letzten 70 Jahren gezeigt, dass diese Ordnung funktioniert. Nicht fehlerfrei, aber besser als alle anderen.

Autor: Ruprecht Polenz

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