Es regnet an diesem Samstag.

Es regnet an diesem Samstag. Bei einem Besuch im Hansaviertel bietet sich die Gelegenheit, einmal über die menschenleere Hafenpromenade zu laufen. Sie hieß früher einmal Kreativkai, wegen der vielen Kreativen da.

Inzwischen ist der Hafen zu einem Brennpunkt geworden. Nirgendwo sonst in Münster wird der Kampf um die Frage: „Wem gehört die Stadt?“ so hart ausgefochten wir hier.

Der Blick schweift über das Lehnkering-Gebäude hinüber zu Söbbeke, zur Biomarkt-Zentrale, zum „Elefanten“, und dann zum Borchert. Eine Mischung von Stilen, wie sie für Münster einzigartig ist. Münsters Politik hat es geschafft, im Hafen Zeichen zu setzen. Für einzigartige Architektur, gegen 08/15.

Und doch bleibt das ungute Gefühl: Hier wird einem Lebensgefühl der Boden entzogen. Wie wild waren die Jahre, als Osmo den Hafen verlassen hatte und sich damals noch wirklich Kreativen in die Gebäude eingemietet hatten? Neben dem Hawerkamp hatte sich Münster eine Underground-Szene geschaffen, fast genauso cool wie die (oftmals verbotenen) Clubs in den DDR-Ruinen in Berlin.

Neuer Hafen, alter Hafen: Auf dieser Seite stimmt der Mix. Noch.

Nun, natürlich war früher nicht alles besser. Dass es keine Politik, kein Stadtwerk und kein Oberbürgermeister dulden kann, dass diese 1A-Grundstücke am Wasser auf Dauer für wenig Geld verramscht werden, war klar. Und doch bleibt das schlechte Gefühl, dass der gesamte Prozess hätte besser laufen können. Dass die Bürgerbeteiligung nur wenig mehr als ein Fake war. Die beiden Mini-Linden, die entgegen allen Absprachen am Hansaring jetzt gepflanzt wurden, sind da nur ein i-Tüpfelchen und ein pars pro toto. Dass Platanen Gasleitungen zerstören, wusste man auch schon vor einem Jahr. Aber gesagt hat man es nicht. Die Hafenforen, jene pseudo-demokratischen Veranstaltungen, in denen die Anlieger ihre Meinung sagen durften, was haben Sie gebracht? Es wurde doch alles gebaut, wie vorgesehen. Außer, dass das Einkaufszentrum eine Nummer kleiner wird. Die Gentrifizierung am Hafen hat längst eingesetzt. Auch in dieser Hinsicht ist Münster inzwischen eine ganz normale Großstadt.

Aber auch das gilt: Die „Hafenanwohner“, wenn es sie so gibt, haben es nie geschafft, ihren konstruktiven Widerstand auf eine breite Basis zu stellen. Stets traten „die Hafenvereine“ mit den gleichen, wenigen Protagonisten auf. Sie kritisierten kräftig, beteuerten, für die breite Masse zu sprechen - aber belegen konnten sie das nie.

Und so wird der Hafen in wenigen Jahren das nächste Schicki-Micki-Viertel von Münster sein, ohne Brüche, ohne Szene. Die zieht sich bereits jetzt in den Mittelhafen zurück, an den Hafengrenzweg. Wie lange wird es dauern, bis diese 1A-Grundstücke am Wasser ebenfalls an Investoren gehen? Und wie lange dauert es, bis der Hawerkamp als Wohnlage erkannt wird?

Autor: Stefan Bergmann

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