Während die Wahlberechtigten in BaWü sich die erste grün-rote Landesregierung wählten nutzte ich die schönwetter-bedingte Windstille, um in einem Käfig 108 Meter hoch in das Maschinenhaus unseres dafür abgeschalteten Windrades zu fahren. Genauer gesagt wird der Käfig mit kräftigem Arbeitsgeräusch gut 90 Meter nach oben gezogen. Die restlichen 10 Meter muss man - in einem fallschirmspringer-artigen Sicherungsgeschirr mit der Leiter verbandelt - senkrecht an der Wand einer Röhre nach oben klettern.

WIndrad Füchtdorf

Schwitz! Besser man klettert einfach, guckt nicht runter und denkt auch sonst nicht weiter über die Situation nach. Zur Belohnung gibt es ganz oben den Blick aus einem kleinen Schiebedach auf eine Welt mit schnurgeraden Ackerfurchen die sich mit Wiesen und Wäldchen abwechseln, dazwischen kleine Bauernhöfe und Spielzeugautos, die unter beachtlicher Geräuschentwicklung (!) über 4 streichholzbreite Straßen sausen.

Windkraft statt Kernkraft hat eine Mehrheit in BaWü gewählt. Am vergangenen wolkenlosen Sonntag zeigte sich die Sonne über NRW von ihrer starken Seite und die Windkraft ihre strukturelle Schwäche: bei Windstille liefert die installierte Leistung keinen Strom. Während unser WKW in den ersten 14 Märztagen 150.000 kWh produzierte waren es in den 14 Tagen danach nur 60.000 kWh. Die zweite Märzhälfte hatte sehr viel schöne Sonnentage mit trockener, östlicher Luftströmung. Im kalten, trockenen Ostwind steckt nicht so viel Power wie im frischen, feuchten Westwind. Das muss man beim Abschalten der Kernkraftwerke bedenken. Damit plädiere ich nicht für deren weiteren Betrieb. Ich sage nur: wer am Sonntag mit seinem Fernseher an den Hochleistungs-Windrädern zwischen Münster und Bad Iburg gehangen hätte, hätte weder Tatort noch Wahlberichterstattung sehen können.

Kontinuierlich kommt nur dann Strom nur aus der Steckdose, wenn bei einer Flaute konventionelle Kraftwerke einspringen. Am besten eignen sich für diese Aufgabe dezentrale Gaskraftwerke. Gleichzeitig zu deren Ausbau sollte mit Hochdruck die Batterietechnik weiter entwickelt werden, damit die Schwankungen natürlicher Energiequellen (Sonne und Wind) in Speichern bei den Erzeugern geglättet werden können.

Ja, die Atomkraft, dieser über Jahrzehnte mit Forschungsmilliarden gefütterte und von Polizisten in die Gesellschaft geprügelte Traum alter Männer (u.a. Strauss, Kohl, Clement), erschien den meisten Bürger/innen als sanftes Ruhekissen. Seit dem 18. März 2011 ist dieser Traum ein Alptraum. Nehmen wir das Unglück als Chance, jetzt die Energieversorgung nachhaltig zu dezentralisieren. - Arno Tilsner

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