Ein entsetzliches Bild. Gleich wird der Fuß des 18 Jährigen mit voller Wucht auf den Schädel des vor ihm liegenden bewußtlosen Opfers trümmern. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, dann zur Lockerung ein kurzer Veitstanz vor der Überwachungskamera. Tritt Nummer fünf, sechs, sieben, acht hätten dem Opfer den Rest gegeben. Nein, es sind keine Bilder aus dem irakischen Folterknast Abu Ghuraib oder einer anderen Folterkammer dieser Welt. Die Szene spielt vor laufender Kamera mitten in Berlin.

Samstag Nacht um 03.30 in Berlin: Videoaufzeichnung

Ein 18 Jähriger aus gutem Hause, der nachts enthemmt die kriminelle Energie eines Mörders auslebt. Dass der Täter seinen heimtückischen Mordversuch nicht zu einem Mord vollenden konnte, verdankt das mit dem Hieb einer Bierflasche an die Schläfe zu Boden gestreckte Opfer einem 21 jährigen Touristen aus Bayern, der den Täter entschlossen von dem bewusstlos am Boden Liegenden weggezogen hat. Dafür bekam er vom Mitläufer des Mordlustigen einen brutalen Tritt in den Rücken.

Worte reichen nicht, damit es nicht wieder geschieht. Die Gesellschaft muss gegen ihren brutalen Nachwuchs endlich die Deckung hoch nehmen. Die Deckung gegen nachts besoffen marodierende, mordlustige Heranwachsende können nicht die Eltern sein. Unter deren Fittichen haben sich Kontrollverlust und Mordlust bei ihren Kindern entwickelt. Den Riegel vor diese Entwicklung muss der Staat schieben. Der Staat und niemand sonst besitzt in dieser zivilisierten Gesellschaft das Gewaltmonopol. So haben wir es als zivilisierte Bürgerinnen und Bürger vereinbart. Es ist nicht hinzunehmen, dass Menschenrecht und Menschenwürde mitten unter uns mit Füßen getreten werden
In andere Weltgegenden schicken wir Kampftruppen, um Mindeststandards bei Menschenrechten zu erzwingen. In der eigenen Gesellschaft lassen wir das Bürgerrecht auf körperliche Unversehrtheit Gewalttat für Gewalttat vor die Hunde gehen. Um diese heillose Entwicklung zu stoppen, braucht es m.E. einen entschiedenen Kurswechsel in der Justiz.
In den zweifelsfrei dokumentierten Tritten auf (!) den Kopf des wehrlosen Opfers sehe ich einen niederträchtigen, heimtückischen Mordversuch. Staatsanwalt und Richter in Berlin sehen in den Tritten etwas ganz anderes und entlassen den Täter nach einem kurzen Besuch auf der Wache in die Obhut seiner Eltern. So entsetzt und empört wie über die Tat bin ich über das Laissez-faire der Berliner Justiz. - Arno Tilsner

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