Es gibt Tage, die mit einem herausragenden Ereignis einer ganzen Dekade ihren Stempel aufdrücken. In den 60er Jahren war es der 22. November 1963, als John F. Kennedy - mit 43 Jahren der jüngste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Hoffnungsträger einer ganzen Generation - vor laufenden Kameras im offenen Wagen erschossen wurde. Nach Kennedys Tod eskalierte der Vietnam Krieg unter seinem Nachfolger Lyndon B. Johnson mit gespenstischer Zielstrebigkeit in eine apokalyptische Dimension.

10 Jahre später, am Morgen des 11. September 1973, putschte eine Militärjunta angeführt von General Augusto Pinochet gegen die vom chilenischen Volk frei gewählte Sozialistische Regierung Allende. Mit Allendes Tod begann eine düstere Dekade in der politischen Entwicklung Lateinamerikas. Mehrere 10.000 Oppositionelle wurden ermordet oder verschwanden spurlos. Mehrere 100.000 wurden unter fragwürdigsten Umständen gefangen gehalten. Die Vision eines demokratischen Sozialismus in Latein-Amerika war damit vom Tisch.

Am 1. Oktober 1982 wurde Helmut Schmidt in einem Konstruktiven Misstrauensvotum als Bundeskanzler abgewählt. An diesem denkwürdigen Tag begann in Deutschland die Ära Kohl, an deren Ende - nach 16 Jahren - die beiden Teile wiedervereinigt waren und die Politik aktenkundig käuflich war.

Die Ermordung Kennedys erlebte ich als 12 Jähriger, den sein älterer Bruder mit den Worten aus dem Schlaf holte: "Kennedy wurde ermordet". So etwas erschien mir bis dahin unvorstellbar. Salvador Allendes Tod hat in uns 10 Jahre später eine politische Bewegung paralysiert. Wie vor den Kopf geschlagen gingen wir - wie jeden Tag - vom PH-AStA am Ende der Scharnhorststraße den Aase entlang in die Mensa zum Mittagessen. Bedrückt ahnten alle, mit welcher Brutalität das Militär jetzt in Chile wüten würde.

Der 1. Oktober 1982 war ein ungewöhnlich warmer Herbsttag, der zu einem letzten Sonnenbad am Kanal einlud. Um die historische Abstimmung im Bundestag nicht zu verpassen, kaufte ich mir unterwegs an der Warendorfer Straße noch schnell ein Transistorradio und erlebte so bei mildem Sonnenschein die Wiedergeburt des Unpolitischen.
Am 11. September 2001 erreichte uns die Meldung von einem Brand im World Trade Center während der na dann… Produktion. Wir schalteten das Fernsehen ein und sahen in Live-Bildern Rauch aus dem Nord-Turm aufsteigen. Das Unvorstellbare geschah wenige Minuten später. Ein zweites großes Verkehrsflugzeug schlug mit voller Wucht in den Südturm ein. Ein terroristischer Massenmord als Live-Übertragung im Herzen Amerikas. So etwas hatte die Welt noch nicht gesehen. In den folgenden Tagen und Wochen schien es so, als sei mit den Twintowers auch die Kommunikation zusammengestürzt. Auf den 11. September folgte eine gespenstische Stille. Das na dann… Telefon blieb stumm, als gäbe es in Sachen Werbung nichts mehr zu besprechen.

Am Montagmorgen hat sich der Kreis dieser vom globalen Terrorismus bestimmten Dekade geschlossen. "Yes We Can" Möge Barack Obama mit seinem Glauben Amerika zu mehr führen als den Auftraggeber des Massenmordes in seinem Ruhesitz mitten unter pakistanischen Generälen zu stellen. Vielleicht hat sich an diesem 2. Mai 2011 für uns alle das Zeitfenster zu einer konstruktiven Dekade geöffnet. Ein selbstbewusstes, besonnen geführtes Amerika ist für die Lösung der Aufgaben in einer freiheitlich-globalen Welt unverzichtbar. - Arno Tilsner

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