1 Stunde 41 Minuten und 46 Sekunden habe ich mich mit vollem Wohlwollen am Sonntag damit beschäftigt, mein vor 5 Jahren gefasstes Vorurteil über Charlotte Roche aus der Welt zu bringen. Nicht lesend sondern hörend schaffte ich es bis in das 17. Kapitel ihrer "Schoßgebete". Indem die Autorin Ihrem Werk selbst die Stimme gibt, erzeugt sie eine dichte Atmosphäre, in der man ihr abnimmt, was sie der Welt über ordentlichen ehelichen Sex zu sagen hat. Stimme passt zum Inhalt.

Das meine ich an dieser Stelle nicht als Kompliment. Denn es lag auch an ihrer Stimme, dass mein Wohlwollen nicht bis zum Ende der zweiten vollen Stunde reichte. Meine Sinne hatten von der Autorin und ihrem Buch genug.
Es bleibt also beim Vorurteil, jetzt nur um fast zwei Stunden substantiierter. Die Kopfhörer von den Ohren nahm ich, weil ich am Sonntag keine Lust hatte, mit Frau Roche und ihrem Mann zusammen in den Puff zu gehen. Dieser Besuch war der lebensbegleitenden Therapeutin, Frau Drescher, im 16. Kapitel angekündigt worden. So, wie ich Frau Roche kennen gelernt habe, wird unter allen Umständen durchgezogen, was einmal angekündigt ist. Überraschungen gibt es in diesem durchgestylten Leben nicht.

Heiliger Strohsack! Mit 28 zwei Millionen Exemplare "Feuchtgebiete" mit 33 in der Erstauflage 500.000 "Schoßgebete". Ich drehe mich um, schaue die herrlichen wilden Jahre rückwärts, in denen Oswald Kolle nichts mehr und Charlotte Roche noch nichts zu sagen hatten.

Zwiebeltrick gegen tränende Augen

Statt ihrer Gebrauchsanweisung für untenrum habe ich mir aus den 100 Minuten diesen Tipp fürs Zwiebelschneiden mitgenommen: beim Würfeln der Knollen die Zunge raus strecken. Dann bleiben die scharfen Schwaden am ersten Feuchtgebiet hängen. Das ist die Zunge, verschont bleiben die Augen. Tut's sogar, wenn ich es mir beim Test an den Zwiebeln für die Möhren-Tarte nicht nur wohlwollend so eingebildet habe. - Arno Tilsner

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