Der fehlende Presseausweis der letzten beiden Wochen ging nicht auf einen Themenmangel zurück. Es war vielmehr so: das Thema war da, ich bekam es nur nicht richtig zu fassen. Jetzt komme ich mit der Geschichte über die Dörfer. Genauer gesagt erfolgt der Einstieg in den alltäglichen Wahnsinn des Straßenbaus im 1. Teil über andalusische Dörfer an der Küstenlinie zwischen Cabo de Gata und Carboneras. Bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts verschlief hier eine durch die Gebirgskette der Sierra de Cabo de Gata vom Verkehr abgeschirmte Halbinsel die Segnungen des Massentourismus. Der Weg zu den wenigen Dörfern der Region führte über kurvenreiche Straßen, die - nicht selten - auf einer Seite eine Bergwand und auf der anderen ein Abgrund ohne Leitplanken begrenzte. Anfang der 90er wurde die Erreichbarkeit durch den Ausbau der Zufahrtsstraßen auf das heutige Niveau verbessert. Ungeachtet dieser Modernisierung blieb es dabei, dass man von Cabo de Gata nach Carboneras ca. 70 Kilometer um die Sierra herum fahren muss.

Eines Tages begann ein in dieser Weltgegend bis dahin nicht gesehenes Heer von Bulldozern, Baggern und Lastwagen die Trasse für eine Küstenstrasse durch die Landschaft zu graben. Das Projekt sollte von den 70 km Umweg die Hälfte sparen. Tatsächlich entwickelte sich an vielen Punkten gleichzeitig ein Baufleiß, als ginge es um das Teilstück einer neuen Verbindung zwischen Barcelona und Madrid. Wo sich dem künftigen Fahrweg Felsen in den Weg stellten, wurden sie weggesprengt. Wo natürliche Vertiefungen den Weiterbau hinderten, wurden sie aufgefüllt.
So ist das bei einem Straßenbauprojekt: wenn es einmal beschlossen ist, wird es durchgezogen. Zwar wird die Frage nach dem Sinn der Maßnahme oft erst bei der Realisierung augenfällig, für eine Neubesinnung ist es dann in der Regel zu spät. Millionen Steuergelder sind verplant und als Auftrag vergeben. In diesem Stadium gibt es nur noch Augen zu und durch.

Für die andalusische Halbwüste zwischen Cabo de Gata und Carboneras war die Küstenstraße eines der größten Verkehrsprojekt der Neuzeit. Es endete so plötzlich wie es begonnen hatte. Unvollendet kam es kurz vor der malerischen Bucht von San Pedro zum Stehen. Ein neuer politischer Beschluss machte aus dem Gebiet den Parque Natural de Cabo de Gata. Damit war von heute auf morgen der Straßenbau verboten. Die Arbeiter mit ihrem schweren Gerät zogen ab. Zurück blieben halbfertige Teilstücke einerTrasse die im Laufe der Jahre unter dem Einfluss von Sonne, Wind und gelegentlichem Sturzregen ihr Gesicht veränderten.

Im August 2011 hat sich die spanische öffentliche Hand erstmals an ihre Investition aus dem letzten Jahrhundert erinnert. Für ein bisschen Return of Investment wurde eine rot-weiße Kette über die volle Breite des letzten Bauabschnitts gespannt. Statt wie in den vielen Sommern zuvor unentgeltlich die 1 1/2 Kilometer Richtung San Pedro zu holpern, kostete der kurze Weg mit dem Auto in diesem Jahr 8,- € Maut. - Arno Tilsner

In der nächsten Woche werfen wir im 2. Teil einen Blick auf "eines der größten Verkehrsprojekte der Neuzeit in Münster" (Stefan Bergmann in der MZ vom 11.08.2011)

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