"Sanieren und blamieren" schreibt Stefan Bergmann über seinen Kommentar zum Haushaltsentwurf, den Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) Mittwoch vergangener Woche in den Stadtrat eingebracht hat. "Wie aus dem Nichts tauchte in dieser Woche plötzlich ein Projekt in der öffentlichen Diskussion auf, das bisher niemand auf der Karte hatte: Die Sanierung des Stadthauses 1 für sage und schreibe 28 Millionen Euro." und weiter: "Das übertrifft alle Investitionen in Kinder, Schulen, Jugendliche und Sport bei weitem. Es diskreditiert den Haushalt, der eigentlich ein guter und sparsamer hätte sein können."

Hätte sein können. Wenn es ums Sparen geht heißt diese Formel so viel wie: es hat nicht geklappt. Zweifelsohne werden sich alle Parteien weiter um Sparsamkeit bemühen. Einen Vorgeschmack wie man das in Münsters lokaler Politik versteht, lieferte der anschließende nicht öffentliche Teil der Ratssitzung, in dem für den Herrn Stadtdirektor Hartwig Schultheiß (CDU) eine Gehaltserhöhung beschlossen wurde.

"Der Fisch stinkt vom Kopf her, oder?" Diesen Satz als trockener, kurzer Haken hörte ich mir in einem Aufzug im Waldhotel Krautkrämer an, wohin mich an diesem Abend in den 80ern ein Deutsch/Schweizer eingeladen hatte, der dort den Tag über für ein paar tausend Franken vor Business-Men dozierte. Den Satz fand ich doof, was den großen, schlanken Mann nicht aus der Ruhe brachte.

Unbeeindruckt von meinen vielen Einwänden blieb er dabei, dass der, der für sich beansprucht, Menschen in einer Unternehmung zu führen dafür verantwortlich ist, wie und mit welchem Ergebnis die von ihm Geführten und die Unternehmung handeln. Seit dem hatte ich in vielen Jahren viele Gelegenheiten, Führung gegen Laissez-faire zu verproben.

Fazit: wenn es ums Sparen geht, geht ohne Führung nichts. Jede Organisation wird problemlos von alleine fett, träge und unbeweglich. Will sie fit bleiben, muss sie unter straffer Führung täglich an der Erhaltung ihrer Fitness arbeiten.
Es ist eine fatale Perspektive für die finanzielle Zukunft Münsters, der Stadt mit einer der wohlhabendsten Bevölkerungen des Landes (und damit der Welt!) zu einer Zeit, in der die Steuereinnahmen sprudeln, wie es so schnell nicht wieder zu erwarten ist, wenn diese Stadt zum Haushaltsausgleich den Rücklagen Millionen entnehmen muss, statt sie um Millionen aufzustocken.

Es kann im Stadthaus I gar nicht genug Putz von der Decke fallen als augenscheinlicher Hinweis für das Leitungspersonal: wir schreiben auch in besten wirtschaftlichen Zeiten rote Zahlen! Münster ist zwar 2.000 km von Athen entfernt, strukturell sind die Probleme von derselben Art. Die öffentliche Hand kommt mit den ihr zur Verfügung stehenden Finanzmitteln nicht aus. Erst braucht sie die Rücklagen auf, dann versilbert sie die gemeinschaftlichen Vermögenswerte. Wenn nichts mehr geht, werden die Steuern erhöht. Das Defizit bleibt. Den Weg aus der Schuldenwirtschaft kann man jeden Tag mit einem ersten Schritt beginnen: Renovierung des Bürogebäudes und Gehaltserhöhung für das Leitungspersonal sind auf jeden Fall Schritte in die falsche Richtung. - Arno Tilsner

Quellen:
http://www.muensterschezeitung.de/lokales/muenster/Sanieren-und-blamieren;art993,1413216
http://www.westfaelische-nachrichten.de/lokales/muenster/ms_top_thema_1/1697028_Rat_stimmt_fuer_Gehaltserhoehung_Fingerhakeln_in_der_CDU.html
http://www.westfaelische-nachrichten.de/lokales/muenster/ms_top_thema_3/1702915_Muensteraner_gehoeren_zu_wohlhabendsten_Menschen_in_Deutschland.html

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