Wenn derzeit vom Süden Europas die Rede ist, geht es vor allem um die Frage, wie viel der Süden den Norden kostet. Ich betrachte den Süden Europas aus einem ganz anderen Blickwinkel. Die Sonne liefert Europas monetärer Krisenregion rund doppelt so viel Energie wie dem nur mäßig beschienenen Norden. Pi mal Daumen kann man daraus folgern, dass Menschen rund um‘s Mittelmeer weniger gespeicherte Energie (Kohle, Öl, Gas) verbrennen müssen, um angenehm zu leben. So konnte man am dritten Advent - vor 3 Tagen, als man in Münster keinen Hund vor die Tür schickte - vis-à-vis zum Mittelmeer in der warmen südspanischen Wintersonne einen Kaffee trinken, ohne dass der Wirt Heizpilze hätte rausrollen müssen. Zwar ist der hoch produktive Norden Europas (noch) keine monetäre Problemzone, andererseits geht er im Hinblick auf die Befeuerung der Erderwärmung mit seiner aufwendigen Lebensweise den meisten anderen Weltgegenden voran. Fazit: Süden und Norden können sich bei der Lösung drängender globaler Aufgaben vorzüglich ergänzen.

Diese Nord-Süd-Arbeitsteilung funktioniert sogar schon. Nur nicht zwischen Nord- und Südeuropa. Ganz Europa kauft den Treibstoff für seine aufwendige Lebensweise noch etwas weiter südlich ein: bei arabischen Despoten. Die Despoten kaufen dafür Waffen und peitschen ihre weiblichen Mitbürgerinnen aus: 10 Peitschenhiebe nach einer Autofahrt für die Frau am Steuer; heiliger Strohsack, wie angenehm sind diese Geschäftspartner?

Dafür lässt man in Europa die südlichen Demokratien vor die Hunde gehen, statt endlich die technischen Voraussetzungen zu schaffen, um den Nord-Süd-Energiefluss auf dem eigenen Kontinent in Gang zu bringen. Höre ich da 'geht nicht'? 'Geht nicht' ist der große Bruder von 'ich will nicht'.

Wenn Menschen wollen, können sie eine Menge bewegen. Das haben sie gerade wieder mit der Eröffnung der Nord-Stream-Pipeline gezeigt. 6 Jahre nach Planungsbeginn sind 1223 km Gasleitung zwischen Wyborg (Russland) und Lubmin bei Greifswald gebaut. Ein riesiges Projekt, dass in Kürze Erdgas mit einem Energievolumen von 33 Kernkraftwerken oder 148.000 Windkraftanlagen transportiert. Wirtschaft und Politik haben bei diesem Projekt in den Norden geschaut, auf riesige russische Gasvorkommen. Jetzt ist es Zeit, nach Süden zu schauen - auf Millionen Kilowattstunden Sonnenschein. Angenehme, saubere Energie für ein demokratisch selbstbewußtes, geschäftlich erfolgreiches Europa. - Arno Tilsner

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