Mein Arbeitsvertrag ist unbefristet und mein Job ist alles andere als prekär. Ich stehe auch nicht im Risiko, von meinem Arbeitgeber oder einem vorgesetzten Mittelsmann unpassend behandelt oder durch einen willigeren Zeitarbeiter ersetzt zu werden. Als mein eigener Arbeitgeber kann ich na dann… machen, solange es mir gefällt.
Für dieses Privileg habe ich frühzeitig die Weichen gestellt. Genauer gesagt, an einem warmen Sommertag Ende der 60er Jahre, als ich den alten Betriebsmeister mit dem Hammer in der Hand die Treppe zum Chefbüro hochgehen sah, von wo er eine Viertelstunde später mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck wieder in die Produktionshalle zurück kam. Er nickte mir wohlwollend zu und sagte, "der Chef will Dich sprechen". Also ging ich in der milden Sommerluft die kurze Außentreppe rauf in die Verwaltung. Der Boss empfing mich freundlich und warmherzig wie immer. Er hatte in mir - gleichwohl ich damals noch Schüler war - seinen kommenden Betriebsleiter gesehen.
An diesem Freitag war seine Botschaft knapp: ich war entlassen. Meister P., der nie viele Worte machte, hatte ihm dieses Ultimatum gestellt: "einer geht jetzt, der Schüler oder ich". Da der Maschinenpark zum überwiegenden Teil so alt war wie der grauhaarige Schlosser selbst und niemand außer ihm die mehrmals abgeschriebenen Schätzchen in Gang halten konnte, war die Sache klar: der Schüler ging, der Meister blieb.
Ein heftiger Schock, der sich in meinem Gehirn blitzschnell zu der Erkenntnis verschaltete, dass die Willkür eines Arbeitsmarktes für mich keine Glück bringende Umgebung ist. 7 Jahre später, nach abgeschlossenem Pädagogik Studium, gründete ich die Firma, in der ich mir bis heute selbst die Arbeit gebe.
Warum erzähle ich diese Geschichte? Weil Themen, die mit Arbeit zusammen hängen, mich nicht kalt lassen. So lange ich denken kann kreist meine Biographie um diesen zentralen Lebensausdruck: Arbeit haben, um vom Arbeitslohn zu leben, deshalb unbedingt die Arbeit behalten; schon als Steppke beobachtete ich meine Eltern bei diesem Drahtseilakt, der jeden Monat wieder mit einem knappen Zieleinlauf endete: wir konnten zu viert gerade vom Arbeitseinkommen meiner Eltern leben.
Ein halbes Jahrhundert später müssen nicht wenige in dieser Gesellschaft Vollzeit arbeiten - ohne Aussicht darauf, einen Zieleinlauf am Ende des Monats zu schaffen. Mit Einkommen aus prekären Arbeitsverhältnissen kann man keinen anständigen Lebensunterhalt verdienen.
Die FDP findet: genug ist genug und wieviel genug ist, bestimmt der Markt. Der Markt, wer ist das? Das, was man sich zwischen Angebot und Nachfrage heraus nehmen darf? Wenn einige 100.000 Arbeit-Suchende aus der Arbeitslosigkeit im Osten und Süden Europas herein strömen, um sich hier für wenige Euro pro Stunde zu verdingen, dann darf man sich als Eingeborener, der seine Arbeitskraft zum Markt trägt, auch nicht mehr raus nehmen als die, die zu fünft in einem Container schlafen?
Freien Arbeitsmarkt ohne Mindestlohn nenne ich einen der größten Fehler des beginnenden Jahrhunderts. Freiheit, die sich sozial nicht verpflichtet, ist Grundlage einer Chaos-, nicht einer Gesellschaftstheorie. Chaos kann niemand in der Mitte der Gesellschaft gebrauchen, denn für die Folgen der Arbeitsverhältnisse, die Mann und Frau nicht ernähren, muss die Mitte über einen Steuertransfer bezahlen.
Besser ist es, Unternehmen, die einen Mindestlohn nicht erwirtschaften, zu- oder gar nicht erst auf zu machen. Wer prekäre Arbeitsverhältnisse duldet, zieht die Mitte der Gesellschaft nach unten. - Arno Tilsner

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