Das NEUE DEUTSCHLAND: ein Thema, zu dem ich diese Worte mache, weil die Journalistinnen und Journalisten der gedruckten Tagespresse dieser Stadt keine Worte finden. Sie sind sprachlos. Nicht gut!

Sprachlose Journalist/innen erinnern mich an den untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaat im Osten des Landes, dessen Presseleute ein halbes Jahrhundert unter sowjetischer Besatzung jeden Tag schrieben, was ihnen vom Politbüro aufgetragen wurde.

Demgegenüber entwickelte sich in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands unter der Regie tatkräftiger Verleger ein wortmächtiger Journalismus, der - durch das Grundrecht auf Pressefreiheit geschützt - zu einer 4. Gewalt im Staat wuchs und einen unentbehrlichen Beitrag leistete, in einem ständigen Wettstreit unterschiedlicher Meinungen die erfolgreiche, friedliche, weltoffene deutsche Nachkriegsgesellschaft hervorzubringen.
Meinungsvielfalt war Verlegern im Westen nach 1945 etwas wert. Zu offensichtlich stand ihnen der Untergang einer ganzen Zivilisation vor Augen, der 1933 folgende nur möglich wurde, nachdem die öffentliche Meinung gleichgeschaltet war. Qualifizierter, unerschrockener Berufs-Journalismus in Medien unterschiedlicher Couleur galt als wirksames Bollwerk gegen den kollektiven Schwachsinn einer gleichgeschalteten Indoktrination.

Im Westen Münsters wurden letzte Woche über 100 Berufsjournalist/innen aus den Redaktionen der Westfälischen Rundschau abberufen. Ihre Mitarbeit an einer Meinungsvielfalt im öffentlichen Raum wird nicht länger gewünscht. Die Tageszeitungs-Verleger der Region haben entschieden, konkurrierende Berichterstattung durch einen lokalen Einheits-Journalismus zu ersetzen, der einmal produzierte Inhalte auf unterschiedliche Titel verteilt.
Das, so ließ die WAZ - Inhaberin der ersten Tageszeitung ohne Redaktion in Deutschland - die Öffentlichkeit wissen sei das wirtschaftliche Gebot der Stunde.

Ihr Beispiel wird Schule machen. Verlags-Erben, die ungefähr vor 10 Jahren in großen Medienhäusern im Land das Ruder übernommen haben, setzen nicht mehr auf Meinungsvielfalt. Tageszeitung ja, aber EINE Meinung pro Region muss genügen. Sobald es aufgrund von Marktabsprachen keine Konkurrenz mehr gibt brauchen Zeitungen auch keine teuren Redakteure.

Das sanfte Gedudel von Pressemeldungen, Produktankündigungen, Promotion-Artikeln, Themen-Specials, Sport- und Familien-Geschichten etc., etc., können Hilfskräfte preiswerter zu Zeitungsseiten konfektionieren. Jeder wegrationalisierte Arbeitsplatz eines Berufsjournalisten bringt uns weiter Richtung NEUES DEUTSCHLAND. - Arno Tilsner

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