Dein Freund, Dein Feind? Über das Thema sind schon Meere von Tränen geweint worden, ohne dass Besserung in Sicht wäre. Es gehört zur Ambivalenz der menschlichen Freiheit, so oder so zu sein. Deshalb mein Rat: heult nicht nur, handelt auch.

Das Schicksal meinte es gut mit mir, als es mir ziemlich genau vor 6 Jahren die Gelegenheit gab, mich auf diesen Rat selbst zu verproben. Einer, der mir vor vielen Jahren das Du angeboten und mich in sein Haus zum Abend-Mal geladen hatte, griff mich plötzlich existenz- gefährdend mit voller Wucht an.
Ich habe keinen Wimpernschlag gezögert, meine Wahrnehmung von Freund auf Feind zu schalten, danach das Entwicklungstempo drastisch erhöht, um den bad guy im wahrsten Wortsinn abzulaufen.

Ich erwähne diese Geschichte im aktuellen politischen Zusammenhang, weil sie mir die Gelegenheit gab, etwas nicht Alltägliches zu lernen: etwa auf der Mitte dieses long-distance-run - als mir klar war, dass ich diesen Lauf wahrscheinlich nicht verlieren werde, - saß mein "Freund" von damals wieder mit mir am Kaffeetisch. Ein Wort gab das andere, bis er mit der Faust auf den Tisch hieb und wie von der Tarantel gestochen brüllte: "Ich muss kein Guter sein". Danach war es einen Moment lang totenstill im Raum. Mein Gegenüber hatte alles gesagt, und ich hatte alles verstanden. Zum ersten Mal machte mir jemand klar, dass es in einem normalen Menschen den unbändigen Wunsch geben kann, kein Guter zu sein.

Wer Freiheit will, muss mit beidem rechnen. Ich will sie ausdrükclich und gebe vor diesem beinahe philosophischen Hintergrund bei der nächsten Wahl einer Regierung meine Stimme, die beim Anblick der Freiheitsstatue keine feuchten Augen bekommt - im Westen sozialisiert bringt sie genug Lebenserfahrung mit, um zu wissen, dass man gegenüber dem amerikanischen Traum jederzeit wachsam sein muss. - Arno Tilsner

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