Da haben es die GRÜNEN doch gewagt, in ihr Wahlprogramm zu schreiben: "Öffentliche Kantinen sollen Vorreiterfunktionen übernehmen. Angebote von vegetarischen und veganen Gerichten und ein Veggie Day sollen zum Standard werden."
Mein Gott - was für einen Aufschrei kann man heutzutage mit zwei derart harmlosen und unverbindlichen Sätzen entfachen. Schon ging in der Köpfen von FDP Funktionären wieder das Gespenst des Öko-Faschismus um.
In einem freien Land müssen freie Bürger/innen jederzeit entscheiden können, ob sie Fleisch essen oder nicht. Na klar, aber im Land der Dichter und Denker dürfen doch andere freie Bürger/innen öffentlich darüber nachdenken, was aus der 400%igen Steigerung des Fleichkonsums in den letzten 150 Jahren für Konsequenzen folgen.
Ich möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen und darüber öffentlich nachdenken dürfen, welches Vorbild wir den über 6 Milliarden anders lebenden Menschen durch unsere libertäre Maßlosigkeit beim Fleischkonsum geben. Ganz ohne Zeigefinger, lieber Christoph (Jauch). Nachdenken, vordenken, zur Wahl stellen: so macht Ihr es bei der FDP doch auch. Lass uns aus dem Thema bitte jeden Bezug zum Faschismus raus halten.
Statt dessen sollten wir mal einen gemeinsamen Spaziergang durch die Bauernschaft machen. Ursula, die unsere Verteilräder durch die Stadt fährt, ist in einer bäuerlichen Landwirtschaft groß geworden und lebt heute auf dem Hof ihrer Kindertage, umzingelt von einem landwirtschaftlich-industriellen Komplex. Sie könnte Dir eine kompetente Einführung geben, damit Du anschließend den Gestank von Kuh-, Schweine-, Hähnchen- und Puten Exkrementen auseinander halten kannst. Dieser bestialische Gestank unserer Lebensweise wabert allgegenwärtig durch die westfälische Parklandschaft; Fleischproduktion ist vor allem auch Gülle-Produktion. Das treibt den Pachtpreis für landwirtschaftliche Flächen hoch, denn wer in der Massentierhaltung reichlich Gülle produziert, braucht Hektar über Hektar, auf denen er sie verteilen kann. Unten läuft die Gülle ins Grundwasser und oben schießt der Mais hoch ins Kraut.
Szenenwechsel: Letzten Montag donnerte ein 300 PS Trecker mit 20.000 Liter Güllefass über die Handorfer Straße. Im Führerhaus sitzt ein Mitte 20-Jähriger und hält den Gasfuß am Anschlag. Er rast mit Höchstgeschwindigkeit die 50 km/h Strecke runter, als gäbe es kein Morgen mehr. Erntezeit ist Güllezeit! 1.000 Liter tierische Exkremente pumpt der Lohnunternehmer pro Minute auf den frisch geernteten Acker. In 20 Minuten ist das Riesenfass leer und mit Höchstgeschwindigkeit geht es zurück zum Gülle fassen.
Von uns allen mit Steuergeldern hoch subventioniert ist dieser landwirtschaftlich-industrielle Komplex. Angesichts dessen kann man tatsächlich auf den Gedanken kommen: gar nicht so schlecht, die Idee eines Veggie Day. - Arno Tilsner

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