Andreas Degenkolbe

Andreas Degenkolbe

Wie Menschen denken und leben, so bauen und wohnen sie. Sagte der alte Herder. Und wer keine Wohnung für sein Bett findet - muss eben im Stehen schlafen. Sagt der aktuelle Markt.

Denn der hiesige Wohnungsmarkt sieht düster aus. In der "Aktion Studentenzimmer" wurde zumindest einigen Wohnungssuchenden geholfen. Viele sitzen aber immer noch auf der Straße. Für Unterkünfte der Studienanfänger/innen zu sorgen, sollte ohnehin selbstverständlich sein. Denn Studentinnen und Studenten aus aller Welt, die hier lernen, forschen oder künstlerisch tätig sind, sorgen dafür, dass Münster eben mehr sein darf als eine langweilig/provinzielle Verwaltungsstadt.

Aber auch für Nicht-Studenten wird es immer schwieriger, bezahlbaren Wohnraum zu finden: entweder wird ein ungesund großer Teil des Einkommens durch Miete aufgezehrt, oder aber die Wohnmöglichkeit liegt außerhalb des eigentlichen Stadtbereichs.

Ob allein die Attraktivität Münsters für steigende Mieten und Verknappung des Wohnraums verantwortlich ist, darf bezweifelt werden: hier ist wohl eher das schnelle Geld der Motor, und Fehlplanung der Katalysator:
- städteplanerisch unsinnige Geld-Ghettos (Klostergärten) mitten im Stadtbereich, durch hohe Verwaltungsbeamte unseriös beworben. Über die vorher absehbaren Leerstände täuschen auch Fake-Gardinen und -Plastikpflanzen in den Fenstern nicht hinweg
- Gebäude der öffentlichen Hand werden veräußert, zu überteuertem Wohnraum umgebaut; sogar die beauftragten Immobilenmakler stöhnen unter der schweren Vermittelbarkeit
- Miethäuser werden entmietet, hochsaniert und als Eigentumswohnungen vermarktet
- Wohnraum wird zu scheinbar lukrativerer Gewerbe/Bürofläche. Als ob es noch nicht genug leerstehende Büros gäbe
- Sozialwohnungen werden immer öfter in reguläre Wohnflächen umgewandelt
Ergebnis: Menschen mit kleinerem Einkommen werden in die Randbereiche der Stadt abgedrängt, oder müssen sich zu horrenden Mieten erpressen lassen, der weitere Innenstadtbereich bleibt den "Besserverdienenden" vorbehalten.

Eine Stadtgemeinschaft lebt aber von der Vielfalt, auch davon, dass alle Menschen miteinander auskommen müssen, bei unterschiedlichem Einkommen. Das Gegenteil davon wäre die Darstellung einer Stadt in einer Klasseneinteilung.

Es gibt Mittel, diese unselige Entwicklung zu stoppen, z. B. längere Schutzfristen gegen Verwertungskündigungen, die Nutzung der Verordnung zur Zweckentfremdung von Wohnraum. Oder sogar endlich mal ein verbindlicher, realistischer Mietspiegel als Höchstgrenze. Dies verhinderte übrigens mitnichten Investitionen in Neubauten - denn wozu sind sonst vor der Mietpreis-Explosion all die Miethäuser gebaut worden, als bizarres Hobby?
Münsters Rat könnte hier eingreifen. Statt Reden und beifallheischender Alibi-Aktionen wäre allerdings Handeln vonnöten...

Autor:

Archivtexte Presseausweis

Weitere Beiträge 2013