Andreas Degenkolbe

Andreas Degenkolbe

Da hat also ein Landtagsabgeordneter der Partei die LINKE als Einzelmeinung den Vorschlag unterbreitet, die Lampion-Umzüge zu Ehren Sankt Martins in "Sonne-Mond-und-Sterne-Fest" umzubennen, um in Deutschland lebenden Muslimen keine religiösen Riten aufzuzwingen.

Das eigentlich zu erwartende öffentliche Gelächter ob dieses Ansinnens blieb aus - stattdessen macht sich Empörung breit, es wird von "christlichen Traditionen", gar von "christlichen Werten" gesprochen, bis hin zu einem angeblichen Kotau, den man vor "den Muslimen" betreiben würde.
Selbstverständlich ist es unsinnig, Begriffe, die nicht durch früheren Missbrauch, einen historischen Kontext belastet sind, oder andere Menschen stigmatisieren, geradezu zwanghaft zu ändern. Die Sankt-Martins-Umzüge tun niemandem weh, sie grenzen niemanden aus, auch der Name nicht. Fröhlich haben Kinder z. B. aus muslimischen Familien mitgefeiert, haben die Botschaft der Geschichte dahinter wohl viel besser verstanden als so mancher Erwachsene.

Allerdings tritt an diesem Beispiel der Entrüstung ein anderes Problem zutage:
als Reaktion auf einen sich ganz normal öffentlich präsentierenden Islam wird der christlich/kulturelle Background unseres Landes beschworen. Hier wittern so einige Morgenluft, den Einfluss von Religion auf den Staat stärker zu gestalten, das unselige Wort "Leitkultur" macht erneut die Runde.

Auch dies offenbart keine Selbstverständlichkeit des Umgangs mit Glauben als Privatsache und eine Überbewertung des Einflusses christlichen Glaubens auf unsere Gesellschaft.

Wir sollten nicht vergessen: nahezu alle bürgerlichen Freiheiten und Rechte sind in grauen Vorzeiten gegen den erbitterten Widerstand der katholischen Kirche erstritten worden - allem voran das Recht auf Bildung.
Dass ein gesellschaftliches Zusammenleben besser und angenehmer funktioniert, wenn man andere stets so behandelt, wie man selbst behandelt werden will - erschließt sich schon allein logisch. Zu dieser Erkenntnis ist heute kein Glauben zwingend notwendig.

In diesem Zusammenhang ist es kontraproduktiv für ein freundliches und friedliches Zusammenleben, wenn als Antwort auf die eine Religion ein Überhöhen der eigenen Religion folgt.
Besser wäre hier, durchaus neugierig auf die Religion anderer zu sein, nachzufragen, mal eine Moschee oder eine Synagoge zu besuchen, sich alles erklären zu lassen.

Denn Interesse zeigt Respekt, erzeugt Vertrauen, führt zu freundschaftlichem Miteinander.

Ein Land ist eben nicht nur seine Geschichte. Ein Land ist stets das, was die Menschen, die aktuell in ihm leben, denken, sagen und tun. Somit also auch all das, was Menschen anderen Glaubens und aus anderen Herkunftsländern mit einbringen.

Das sollten wir begreifen.

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