Andreas Degenkolbe

Andreas Degenkolbe

An jedem Morgen in der Arbeitswoche ist ein bekanntes Tierchen zu beobachten: Helix lagurus, umgangsprachlich auch als "Gemeine Lemmingschnecke" bekannt, schleicht in endloser Reihe in die Münsteraner Innenstadt.

Diese possierlichen kleinen Qualmer tragen stets ihr Gehäuse mit sich, in dem Platz für bis zu fünf ihrer Art wäre - meist sitzt aber nur eine einzelne Lemmingschnecke darin, trotz gleicher Wanderroute.

Obwohl man den täglichen Weg auch ohne das eigene Gehäuse zurückzulegen könnte, lassen sich die Kriecher nicht beirren: mit stoischem Blick sickern sie in die Stadt, vernichten fossile Brennstoffe, vernebeln ihr Umfeld.

Danach suchen sie nach einem Platz für ihr Gehäuse - das steht dann 8 Stunden lang bräsig herum.

Nun gab es einen Vorschlag, in Münster wieder eine Straßenbahn einzuführen, um diesen stinkenden Tross der Lemmingschnecken einzudämmen, denn sämtliche bisherigen Angebote, den Weg zur Arbeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückzulegen, wurden nicht ausreichend angenommen. Diese Stadtbahn sollte in den Vorortregionen beginnen, um so die Pendler bequem, pünktlich und schnell zur Arbeit oder zum Einkauf und wieder zurück zu bringen.

Straßenbahnen sind aus ökologischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten kaum zu schlagen: sie haben immer Vorfahrt, sie verbrauchen keine fossilen Energien, sondern Strom, es sind keine Tunnelarbeiten wie für U-Bahnen notwendig. Freude am gefahren werden.

In Windeseile wurde ein Gutachten präsentiert, das dem Vorhaben mangelnde Wirtschaftlichkeit unterstellte, es würden nicht genügend Lemmingschnecken auf die Stadtbahnen umsteigen. Geradezu aufatmend wurde dieses Gutachten von offiziellen Vertretern der Stadt Münster präsentiert.

Die Gutachter, die offenbar nebenberuflich in einem kleinen Zelt auf dem Send mittels Glaskugel die Zukunft vorhersagen, vergessen aber eines:
Wenn die Lemmingschnecke ihr Gehäuse nicht zuhause lassen will, kann man auch den Zugang mit Gehäuse verwehren!

Weitgehend autofreie Innenstädte steigern nachweislich die Lebensqualität, viele Pendler würden wieder dort wohnen, wo sie arbeiten. Dazu braucht man kein Gutachten - es ist logisch zu erschließen.

Ein für größere Einkäufe in der Innenstadt denkbarer Lieferservice könnte sogar Arbeitsplätze schaffen. Arbeitsplätze sind doch sonst immer das Totschlagargument derjenigen, die unbedingt allergrößten Unfug weiter betreiben wollen. Warum nicht mal in sinnvollem Kontext?

Die Kernidee einer zukunftsorientierten Verkehrsplanung muss die Verkehrsvermeidung sein, denn das E-Auto löst nicht unsere Probleme. Wären alle Lemmingschnecken in Deutschland in E-Autos unterwegs, stiege der Strombedarf derart, dass die Atomlobby wieder begeistert in die Hände klatschte. Wegen der Großen Koalition knallen da eh schon seit Wochen täglich die Champagner-Korken.

Die Münsteraner Verwaltung und die Bürger/innen könnten mit solch einem Zukunftsprojekt ein weltbekanntes Beispiel für viele andere Städte werden, die tatsächliche Energiewende mit anstoßen.

Und vor allem könnten sie beweisen, dass sie eines nicht sind: Lemmingschnecken.

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