Stefan Bergmann

Der Neujahrsempfang im Rathaus in diesen Tagen könnte Oberbürgermeister Markus Lewes letzter sein. Im September muss er sich zu Wahl stellen. Und vor Teilen seiner Konkurrenz muss er sich in Acht nehmen.

Ob es sein Verdienst ist, dass Münster derzeit glänzend dasteht, ist fraglich. Die Stadt ist ungebrochen attraktiv, was sich in der wachsenden Einwohnerzahl niederschlägt. Die Großprojekte, die zurzeit gebaut werden oder schon fertig sind - der Autobahnanschluss in Hiltrup, die Ortsumgehung Wolbeck, der Hansa-Businesspark in Amelsbüren, der alte Fischmarkt, der Bahnhofsumbau - hat er von seinem Vorgänger übernommen. Was er nicht gemacht hat: Die Schaffung günstigen Wohnraums rechtzeitig auf Priorität 1 zu setzen.
Und doch hat Lewe natürlich Qualitäten. Er kennt die Münsteraner sehr genau, er versöhnt, umarmt, repräsentiert die Stadt auf erfrischend unkonventionelle Art. Die Kärrnerarbeit leisten andere, beispielsweise die gesamte Dezernentenriege.

Und was macht die Konkurrenz? Maria Klein-Schmeink von den Grünen hat beste Chancen, Münster neue OB'in zu werden. Sie ist kompetent, herzlich, verbindlich, nie prätentiös und eine fleißige Arbeiterin in der Berliner Politik. Sie hat in Berlin die Verbindungen zur großen Politik, die Lewe nur über Ruprecht Polenz hat.

Und endlich hat sich auch Münsters größte Oppositionspartei, die SPD, dazu durchgerungen, einen OB-Kandidaten zu benennen. Vorausgegangen war eine monatelange erfolglose Suche. Da war es fast schon eine Erlösung, dass Jochen Köhnke, zurzeit Ausländerdezernent mit fachlich tadellosem Ruf, seine Kandidatur anmeldete. Doch für Köhnke dürfte es eine Operation Harakiri werden, denn er muss nun in neun Monaten die schier unmögliche Aufgabe meistern, sich dem Wahlvolk als bessere Alternative zu Lewe und Klein-Schmeink zu präsentieren. Das ist ein Problem, denn bisher ist er der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Die SPD-Mitglieder dagegen dürfte es nicht stören, wenn der in den eigenen Reihen unbeliebte Köhnke bereits im ersten Wahlgang scheitert. Sie lassen ihn bewusst ins Messer rennen. Denn viele haben ihm nicht verziehen, dass er seinerzeit gegen die Wahl Wolfgang Heuers, des ehemaligen SPD-Fraktionschefs, zum Personaldezernenten klagte. In der OB-Stichwahl kann man dann als SPD'ler beruhigt die grüne Klein-Schmeink unterstützen. Und damit die geheimen Nebenabreden zum rot-grünen "Oppositionsvertrag" erfüllen. Dafür tragen die Grünen schließlich auch das SPD-Spaßbad mit. - Stefan Bergmann

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