"Ignorant und menschenverachtend"

Peter-Paul Gosing

Die Affen im Zoo haben es besser als demnächst die Anwohner in St. Mauritz, meint Peter-Paul Gosing.

Besser den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach: So beschrieb im letzten na-dann-Presseausweis Ruprecht Polenz (CDU) die Situation der Tunnel-Befürworter aus St. Mauritz. Sie klagen zurzeit gegen das Land und wollen es zwingen, die Bundesstraße 51 („Umgehungsstraße“) nicht in einem Trog verlaufen zu lassen, sondern in einem Tunnel. Die na dann spricht mit Peter-Paul Gosing von der BI St. Mauritz:

Bergmann: Spatz oder Taube? Herr Gosing, was passiert, wenn Ihre Klage alles verzögert und Sie deswegen noch in zehn Jahren keine neue Straße haben, sondern die alte laute ohne Lärmschutz?

Gosing: Ach, kommen Sie: Wenn das Verkehrsministerium fast 20 Jahre für diese wenigen Kilometer an Planungszeit verplempert , liegen die Verzögerungen der letzten Jahrzehnte wohl eindeutig nicht beim Bürger. Sofortigen Lärmschutz haben wir bei Oberbürgermeister Lewe bereits vor Jahren eingefordert , denn das ginge bereits beim jetzigen Straßenzustand: eine Geschwindigkeitsreduzierung von 70 auf 50 Stundenkilometer würde den Lärmpegel um 50 Prozent sofort reduzieren...

Bergmann: ...und die Autos würden kilometerlang durch St. Mauritz schleichen...

Gosing: ...ich bitte Sie! Der Autofahrer "verliert" 1 Minute und 20 Sekunden auf der kurzen Strecke. Kein großes Opfer, um seine Mitmenschen in Ruhe zu lassen.

Bergmann: Der gesunde Menschenverstand sagt: Führe keine Kriege, die Du nicht gewinnen kannst. Können Sie gewinnen?

Gosing: Unser gesunder Menschenverstand sagt: wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren! Ob und wer gewinnt entscheidet ein unabhängiges deutsches Gericht, nämlich in unserem Fall das renommierte Oberverwaltungsgericht Münster.

Bergmann: Jetzt mal Tacheles: Was genau fordern Sie

Gosing: Dass man den Empfehlungen der Umweltverträglichkeitsstudie der unabhängigen Gutachter aus 1994 folgt und die Straße tiefer legt in einen Trog und mit einem Deckel versieht. So entspricht das auch dem heutigen Stand der Technik, wie er an vielen Orten in Deutschland bei ähnlich gelagerten Fällen geplant und realisiert wird.

Bergmann: Die Planungen für den Ausbau laufen seit mindestens 40 Jahren. Wieso haben Sie sich eigentlich nicht früher gemeldet?

Gosing: Die BI Mauritz wurde 1984 gegründet - also vor mehr als 30 Jahren. Seitdem wurden Hunderte von Gesprächen und Diskussionen mit Politik , Verwaltung der Stadt und Ministerien geführt - unsere Standpunkte können also nicht neu sein und waren stets konstruktiv und angelehnt an Techniken , die anderswo schon angewendet werden.

Bergmann: Wenn Sie vor Gericht verlieren: Was passiert dann?

Gosing: Dann werden wir in Berufung vor dem Bundesverwaltungsgericht gehen müssen - notfalls auch vor den Europäischen Gerichtshof, da die vorliegende Planung nach Meinung unserer Rechtsbeistände aus Berlin gegen eine Reihe von europäischen Gesetze verstößt.

Bergmann: Bäume werden gefällt, alles deutet auf einen schnellen Baubeginn hin. Ärgert Sie das?

Gosing: Ärgern haben wir uns schon lange abgewöhnt. Das führt zu nichts. Wenn aber Baumfällen mit Naturschutz begründet wird, kann ein halbwegs normaler Mensch nur mit dem Kopf schütteln. Erschütternd ist es allerdings, dass Strassen.NRW mit Rückendeckung von Oberbürgermeister Markus Lewe Lewe und Regierungspräsident Klenke offensichtlich der Ansicht sind, dass man sich um Gerichte nicht kümmern muss und schon mal vor einem Richterspruch anfängt. Die scheinen kein Gericht zu brauchen in ihrem Geschäft .

Bergmann: Wenn Sie das von Markus Lewe, von Regierungspräsident Klenke und ihren Behörden Ihnen gegenüber in einem Satz beschreiben sollten, wie würde der lauten?

Stefan Bergmann

Gosing: Ignorant und bürgerverachtend!

Bergmann: Die Behörden haben doch schon nachgebessert, indem sie schallschluckende Krag-Arme nachträglich eingeplant haben. Reicht das nicht?

Gosing: Nachbesserung kann das nicht sein, wenn man eine solch krude Stadt- und Landschaftsverschandelung durchführen will, von der zukünftig die Sprayerbranche ein neues Eldorado haben wird. Außerdem sind sechs bis sieben Meter hohe Wände Maßnahmen, die Zoodirektor Adler seinen Affen im Zoo aus Tierschutzgründen nicht zumuten würde.

Bergmann: Ach kommen Sie!

Gosing: Ist wahr. Im Zoo wäre das Tierquälerei. Aber bei uns...

Bergmann:...und weiter?

Gosing: Sie fragen nach Schallschutz: Schutz gegen Abgase und Feinstaub ist damit keineswegs gewährleistet - und diese Gesundheitsgefahren sind inzwischen vielfach wissenschaftlich belegt.

Bergmann: Das Geistviertel hat keinen Tunnel. Warum dann St. Mauritz? Wir im Geistviertel hätten auch gerne keinen Autolärm vor der Tür.

Gosing: Die Planungen im Geistviertel sind etwa 40 Jahre alt - die Realisierung 20 Jahre. Damals ging es "nur" um 15.000 Autos pro Tag bis hin zur Hammer Straße. Wenn die Stadtautobahn fertig sein sollte, so kommen dann jeden Tag 50.000 Autos (oder etwa 18 Millionen pro Jahr) bei steigendem und hohen LKW-Anteil auf uns alle zu.

Bergmann: Wenn das stimmt, dann fordere ich: Gleiches Recht für alle!

Gosing: Dann wird man sich eben auch im Geistviertel über technische Verbesserungen unterhalten müssen, denn der dortige Stand der Technik ist uralt.
Ganz vergleichen kann man die Situationen Geistviertel und Mauritz allerdings auch nicht: hier ist die Durchfahrt deutlich enger - direkt an den Wohngärten vorbei. Es ist halt ein richtiger Flaschenhals!

Bergmann: Sie wollen eine Bürgerbewegung quer entlang der B 51 organisieren? Soll es einen Bürgerentscheid geben?

Gosing: Warum nicht! Bürgerentscheide haben in Münster schon einiges bewegt.
(www.bi-mauritz.de)

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