Stefan Bergmann

Stefan Bergmann

In den vergangenen Wochen hat die Republik gemerkt, dass sich der Journalismus kaum verändert hat, sondern von Katastrophe zu Katastrophe in die gleichen Stereotypen verfällt.

Das Boulevard macht keine Geiseln, zeigt alles, sofort und in Großaufnahme und nennt den Copiloten so schnell einen „Amok-Täter“, dass die Ermittler sich fragen, ob ihnen etwas entgangen ist. Viele andere Medien versuchen, das rechte Maß zu finden. Einige schaffen es, einige scheitern.

Neu ist: es gibt jetzt Facebook und Twitter. Mit Vehemenz prügeln die Menschen auf die Medien ein, die - nach einhelliger Meinung - in ihrer Berichterstattung zu weit gehen. Und zwar alle. Alles Geier, alle respektlos, alles Witwenschüttler. Alles schlimm. Längst ist klar, dass es Trauermechanismen auch im Netz gibt. Erschrecken, Fassungslosigkeit, Mitleidsbekundungen werden schnell abgelöst von Wut, die sich Bahn bricht. Und fortan können Journalisten berichten, was sie wollen: Öffentliche Prügel ist ihnen gewiss.

Zum Schluss fallen dann auch noch die miesepetrigen professionellen Medienkritiker mit ein und beschwören - mal wieder - den Untergang gleich des gesamten Journalismus. Das muss man verstehen. Schlechte Laune ist ihr Geschäft. Denn viele verdienen dann später gut an den Beraterverträgen. Also vergessen wir die professionellen Kritikaster. Die müssen meckern, um wahrgenommen zu werden.

Der Fall zeigt aber, dass die Facebook-Gesellschaft keine erstrebenswerte ist. Anonym kann gezetert werden, beleidigt, verleumdet. Die Masse steigert sich - unter Schock - in einen Kritikstrudel hinein, schlägt auf die Überbringer von Nachrichten ein, dabei meint sie eigentlich die Nachricht selbst.
Weil es so unerhört ist, dass ein junger Mann 149 Menschen in den Tod fliegt. Aber, ganz ehrlich: Wie viele Kritiker haben sich vorher selbst das Bild von Andres L. angesehen im Netz? Haben - vielleicht angewidert - in die Augen der Trauernden bei bild.de geschaut? Haben morgens am Kiosk, natürlich heimlich, auf die Bild-Titelseite gestarrt.

Und so ist die Journalismus-Kritik eigentlich eine Gesellschaftskritik. Es sind wir alle, oder große Teil von uns, die RTL schauen, Bild lesen, krude Twitter-Kanäle abonnieren. Und so entpuppt sich ein großer Teil der Medienkritik als schlichte Heuchelei. Wir Konsumenten schaffen die Nachfrage, die Medien bedient sie. Bleibt die Nachfrage aus, verschwindet auch der Gossen-Journalismus. Dass das funktioniert, hat beispielsweise der Fall Schlecker gezeigt.

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