Ruprecht Polenz

Ruprecht Polenz

Zweimal hatte Münster in seiner Geschichte Bedeutung für Deutschland und Europa: 1648 beim Westfälischen Frieden und 1534/35, als die Täufer die Stadt zum Neuen Jerusalem ausgerufen hatten. Während alljährlich mit Veranstaltungen an die Bedeutung Münsters als Friedenssstadt erinnert und Münsters Rathaus dafür zu Recht mit dem europäischen Kulturerbe-Siegel ausgezeichnet wird, findet die Täuferzeit eher weniger öffentliche Erinnerung. Im Reformationsjahr 2017 sollte die Stadt das ändern, denn die Täufer gehören zur Reformationsbewegung und die Baptisten sind heute eine der größten protestantischen Bekenntnisgemeinschaften.

Zwei Kabinette im Stadtmuseum zeigen den "Beginn der Täuferherrschaft" und das "Königreich der Täufer" und natürlich erinnern die Käfige an der Lambertikirche daran, dass darin die Leichen von Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdollink zur Abschreckung zur Schau gestellt wurden, nachdem sie zuvor vier Stunden lang zu Tode gefoltert worden waren.
In den Abendstunden leuchtet in jedem der Käfige ein Licht - ein Kunstwerk von Lothar Baumgarten für die Skulptur 1987: Irrlichter, ruhelose Seelen, die keinen Frieden finden können.

Nach der Reformation hatten alle sechs Pfarrkirchen Münsters, das damals 10.000 Einwohner zählte, evangelische Prediger. Der einflussreichste von ihnen war Bernhard Rothmann. Das Domkapitel hatte ihn mehrfach mit Predigtverbot belegt, was zu seiner Radikalisierung beigetragen haben mag. Mit Luther persönlich bekannt, wurde Rothmann zu einer theologischen Führungsfigur der Täuferbewegung. 1532 schreibt Luther an den Rat der Stadt Münster: "Wir besorgen uns, es möchte euch ein betrüglicher Geist zukommen. Der Teufel ist ein Schalk und kann wohl feine, fromme und gelehrte Prediger verführen, welche vom reinen Wort sind abgefallen und wiedertäuferisch geworden."

Glaube und Gewalt, Religion und Politik - wie in einem Brennglas zeigen die 18 Monate der Täuferherrschaft in der belagerten Stadt Münster Fragen von bestürzender Aktualität.

Wie aus der Erinnerung an 1648 sollte die Stadt Münster auch aus einer Beschäftigung mit der Täuferzeit mehr machen. Das Reformationsjahr 2017 wäre der richtige Zeitpunkt für eine erneute Ausstellung des Stadtmuseums. Der Excellenzcluster "Religion und Politik" der Universität könnte den Fragen von Religion und Gewalt mit Blick auf die Täuferzeit nachgehen. Münster könnte eine Adresse im weltweiten Reformationsjahr 2017 werden. Nach der Diskussion um den Katholikentag muss vielleicht besonders betont werden, dass diese Themen nicht nur die evangelische Kirche betreffen.

Autor:

Archivtexte Presseausweis

Weitere Beiträge 2015