Stefan Bergmann

Stefan Bergmann

Der Stadtrat hat einen verkaufsoffenen Sonntag im Advent genehmigt. In der Innenstadt. Es war ein längst überfälliges Zeichen dafür, dass die Politik die Zeichen der Zeit erkannt hat. Und es ist unverständlich, dass es so lange gedauert hat. Es hat nur funktioniert, weil die SPD ihren Fraktionszwang für die Abstimmung aufgegeben hat. Flugs votierten einige SPD-Ratsmitglieder pro verkaufsoffen - gemeinsam mit CDU und FDP reichte es für eine Mehrheit. Nur ein Beispiel dafür, wie der Fraktionszwang - jeder einzelne hat so abzustimmen, wie es die Fraktionsspitze vorgibt - jahrzehntelang Demokratie verhindert hat und die Interessen der Partei über die Interessen der gewählten Ratsmitglieder, und damit auch der Wähler, gestellt hat.

Jahrzehntelang bestimmte das Bauchgefühl „…wir müssen den Menschen einen ruhigen Advent geben…“ die politische Diskussion. Bei allen Parteien, auch der CDU. Angefeuert lange durch die harte Haltung der Kirchen und der Gewerkschaften. Beide waren im Konservativismus vereint und wollten ihre Interessen wahren. Doch die Kirchen haben ihren Widerstand gegen den verkaufsoffenen Advent längst aufgegeben, mögen dies aber offiziell nicht zugeben. Und die Gewerkschaften - der SPD eng verbunden - wollte die Arbeitnehmer vor Ausbeutung durch die bösen Kaufleute schützen. Und vergaßen dabei, dass wir in Münster sind und nicht im Manchester-Kapitalismus des alten Großbritanniens. Gut, dass sie gemerkt haben, dass sich die Welt verändert hat. Dass die münstersche Kaufmannschaft Verantwortung fürs Gemeinwohl übernimmt, zeigt sie immer wieder. Schwer vorstellbar, dass sie ihre Mitarbeiter am verkaufsoffenen Adventssonntag in die Läden zwingt, ausnutzt und unterbuttert. Allein, dass Politiker aller Couleur dies jahrzehntelang unterstellten, zeugt schon von einer gewissen Weltfremdheit.
Die Beschlusslage des Rates war bisher auch inkonsequent. Ob Angestellte auf den vielen Weihnachtsmärkten an den Adventssonntagen ein ordentliches Gehalt bekommen, war allen immer egal. Für Touristen tut Münster ja generell alles. Da kann man die Sorgen der Arbeitnehmer gern mal ignorieren. Dass zahlreiche - von der Stadt genehmigte - Flohmärkte regelmäßig die angebliche Sonntagsruhe stören: Wurde nie hinterfragt. Und dass in den sonntags, nachts und eigentlich immer geöffneten Tankstellen alle Bürger nur und ausschließlich lebensnotwendigen Reisebedarf kaufen, glaubt kein Mensch.

Wenigstens in der Frage des verkaufsoffenen Adventssonntages hat der Rat seine Bevormundung der Bürger beendet. Es hat viel zu lange gedauert. Wer im Advent nicht in die Kirchen gehen w i l l, tut es auch nicht, bloß weil die Geschäfte geschlossen haben.

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