Ruprecht Polenz

Ein Verkehrsschild spaltet die Stadt:

Ein Verkehrsschild spaltet die Stadt: Tempo 30 füllt die Leserbriefspalten, führt zu erhitzten Diskussionen an Arbeitsplätzen und Stammtischen, bekommt den Rang einer Glaubensfrage. Hinter dem rhetorischen Pulverdampf verschwindet, worum es eigentlich geht: Wie kann Münster mit seinen engen Straßen und mittelalterlichem Stadtgrundriss umweltgerechte Mobilität organisieren und gleichzeitig für die 1,5 bis 2 Millionen Menschen erreichbar bleiben, von denen Wohlstand und Wirtschaftskraft der Stadt entscheidend abhängen?

40 Prozent der täglichen Verkehrsbewegungen werden in Münster mit dem Fahrrad erledigt. Das ist ein einsamer Spitzenwert in Deutschland, der Münster nun schon seit Jahren den Titel der deutschen Fahrradhauptstadt einträgt. Normalerweise sind Städte froh, wenn sie 10 Prozent erreichen.

Man stelle sich für einen Augenblick vor, die Hälfte der Fahrradfahrer in Münster würde auf das Auto umsteigen. Wir hätten sofort den ganzen Tag Dauerstau auf allen Straßen. Die täglich 100.000 Einpendler nach Münster brauchten Stunden, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen.

Deshalb ist das umgekehrte Ziel richtig, das Oberbürgermeister Markus Lewe jetzt vorgegeben hat: Steigerung des Fahrradverkehrs bis 2030 auf 50 Prozent bei gleichzeitiger Erhöhung des Radius von 8 km auf 20 km. Elektrofahrräder und Pedelecs lassen die Radius-Erweiterung realistisch erscheinen. Schnelle Radwege-Verbindungen in die umliegenden Landkreise müssen dazu kommen.

Es ist falsch zu glauben, wer etwas für den Fahrradverkehr tut, will damit dem Autoverkehr schaden. Das Gegenteil ist richtig: Nur wenn möglichst viele das Fahrrad benutzen, kommen diejenigen, die auf das Auto angewiesen sind, im Stadtverkehr noch vorwärts.

Am Beispiel der Hammer Straße kann man gut studieren, dass die Radwege für die täglich 15.000 Fahrradfahrer zu schmal geworden sind. Hier und anderswo müssen die Verkehrsflächen zwischen Auto, Fahrrad und Fußgängern neu verteilt werden, wenn der Fahrradverkehr weiter gesteigert werden soll.

Und an dieser Stelle kommt "Tempo 30" ins Spiel. Denn Fahrradfahrer können sich mit dem Autofahrer leichter die Straße teilen, wenn letztere nicht so schnell fahren. Um auszuprobieren, wie das am besten geht, möchte die Stadt den heißdiskutierten Modellversuch in der City machen. Im wesentlichen innerhalb der Promenade.

Gleichzeitig soll dadurch die Feinstaub- und Lärmbelastung vermindert werden, die in Teilen der City so hoch ist, dass manche Investition inzwischen gefährdet ist und nicht mehr genehmigt werden kann, weil die Grenzwerte das erlaubte Maß übersteigen würden.

Genug gute Gründe also für den von Oberbürgermeister Markus Lewe vorgeschlagenen Modellversuch. Bleibt nur zu hoffen, dass die Landesregierung die erforderliche Genehmigung erteilt.

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