Stefan Bergmann

Stefan Bergmann

Nach einem spannenden Wahlabend am Sonntag im Rathaus muss die Frage erlaubt sein:
Welchen Wert haben Wahlen überhaupt noch? 22,7 Prozent aller Münsteraner haben Markus Lewe gewählt, 11 Prozent Jochen Köhnke, 9 Prozent Maria Klein-Schmeink. So sehen die Ergebnisse aus, wenn man sie auf alle Wahlberechtigten in Münster hochrechnet.
Was sagen diese Prozentzahlen darüber aus, ob sich der neue Oberbürgermeister als echter Repräsentant der ganzen Stadt fühlen darf? Mehrheitlich gewählt, ja. Aber mit starkem Rückhalt in der Bevölkerung? Nein. Ihm müsste Angst und Bange werden...
Keiner der ehemaligen OB-Kandidaten darf sich angesichts dieser Ergebnisse als strahlender Sieger fühlen. Mit Demut sollten alle zugeben: Die Politik erreicht die Menschen nicht mehr. Waren es im vergangenen Jahr noch 59 Prozent aller Menschen, die sich bei der Kommunalwahl zu den Urnen bewegten, so machten am Sonntag nur 45 Prozent aller Menschen ein Kreuz auf einem Wahlzettel. Die meisten kreuzten für sich selbst an: "Ist mir egal."
Die Krokodilstränen über die geringe Wahlbeteiligung in der aktiven Poltik trocknen aber meist schnell und es geht wieder über zum Klein-Klein. Machtspielchen im Stadtrat, die einem Sandkasten voller streitender Kleinkinder zur Ehre gereichen würden. Projekte, die verhindert werden, ohne das man weiß, warum (Studentenheim am Bahnhof). Projekte, die umgesetzt werden, ohne dass sich Bürger in ihrer Kritik ernst genommen fühlen (Hafen, B-51-Ausbau). Oder Projekte, die jahrzehntelang nie angegangen wurden (Schaffung bezahlbaren Wohnraums).
Selbstkritik? Fehlanzeige. Die ewigen Aufrufe, doch bitte zur Wahl zu gehen um so die Demokratie zu stärken - sie erweisen sich als Nebelkerze. Was eigentlich machen Münsters Politiker, um die Demokratie zu stärken?
Schön wäre es, wenn alle Parteien das Wahlergebnis und die Wahlbeteiligung als ernste Warnung verstehen würden: Da stimmt etwas nicht mehr im Verhältnis zwischen den Menschen und den Politikern. Da fehlt es an Transparenz, an Kommunikation, an echtem Interesse daran, was die Menschen denken.
Und das vor allem abseits der Wahltermine. Macht und und Mandate werden mit der Wahl gewonnen. Die moralische Berechtigung hierfür jedoch in den Jahren dazwischen.
Der neue Oberbürgermeister hat die Chance, das Verhältnis zwischen Bürgern und Politik neu zu justieren. Er hat keine politische Macht, aber er kann das "Wie" beeinflussen.
Herzlichen Glückwunsch Markus Lewe!

Ruprecht Polenz

Ich wollte meinen neuen Presseausweis über Flüchtlinge schreiben. Da stieß ich auf facebook auf diesen Bericht eines Helfers aus München aus dem ich stattdessen zitieren möchte:
"Karim Benh:
Ich habe gestern in der Nacht von 1 bis 10 in Messe geholfen und war dort als arabisch Dolmetscher im Einsatz. Ich konnte mich in der Zeit mit einigen Flüchtlingen unterhalten und empfand dies als sehr interessant. ...
- Wo kamen die Flüchtlinge her mit denen ich gesprochen habe?
Aus Syrien (Raqqa, Damaskus, Idlib, Daraa) und Irak (Bagdad)
- Wie sind Sie nach Deutschland gelangt?
Alle die ich danach gefragt habe, sind über die Türkei und dann tatsächlich übers Meer in Schlepperbooten, dann Serbien und Ungarn und Osterreich gekommen.
- Wie lange haben Sie für die Reise gebraucht?
Zwischen 15 und 30 Tagen
- Wer waren sie?
Ich habe 5 Leute gefragt was Sie beruflich tun: Ein Arzt, ein Mathelehrer, Ein Elektro-Ingenieur, ein Biologe, ein Assistent eines Ministers.
- Wovor sind sie geflüchtet?
Vor Bashar El Assad in Syrien, vor den Todestonnen (auch wieder Bashar), vor dem Morden und den Attentaten in Bagdad. Vom IS war nie speziell die Rede.
- Was waren Ihre Pläne?
Mehrere mit denen ich gesprochen hatte, hatten Ihre Diplome im Rucksack und wollten diese hier anerkennen lassen, um dann arbeiten zu können. Viele fragten in welchen Städten sie die besten Jobchancen haben. Nur eine einzige Person hatte mich gefragt wieviel Unterstützung sie vom Staat erhalten würde.

- Mein Fazit:
Es sind allesamt starke Menschen, die unglaublichen Kraftakt vollbracht haben und alleine dafür großen Respekt verdienen. Was ist ein Marathonlauf oder gar eine Tour de France im Vergleich? Sie sind bei uns erschöpft angekommen und es ist unsere Pflicht sie herzlich zu empfangen und Ihnen zu Helfen. Zumindest empfinde ich es als meine.
Diese Menschen haben großen Respekt vor Deutschland, der Empfang den Sie erhielten ist kein Gutmenschendenken sondern aus meiner Sicht eine alternativlose Investition in Menschen die in naher Zukunft unser Land Bereichern und einen Beitrag zum Wohlstand dieses Landes leisten können. Es sind keine Bittsteller, deren Ziel es ist Deutschland um staatliche Hilfen zu erleichtern.
Nach Heidenau und Co. hat Deutschland sein anderes Gesicht gezeigt, sein schönes. Ich hoffe das Deutschland immer so schön bleiben wird."
(Quelle: ( https://www.facebook.com/groups/1537521673147443/permalink/1671424306423845/?pnref=story)

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